Der Buddha des gewaltlosen Widerstands im Kinderzimmer

Mein Sohn räumt sein Zimmer nicht auf. Belohnung, Bestrafung, Schimpfen, drüber reden. Es hilft nichts. Meine Frau und ich: ratlos. Am Ende räumen immer wir auf. Aber das kann es ja auch nicht sein, irgendwie.
SaureiJetzt gibt es ja alle paar Jahre einen neuen Pädagogik-Guru. Zuletzt war das Norm Green, der Erlösung durch soziales Lernen versprach. Da kriegen die Kollegen dann immer glänzende Augen und sagen so Sachen wie: „Ich hab ihn ja noch erleben dürfen.“ Als ob es um John Lennon oder Elvis ginge.
Der neuste Guru ist der israelische Psychologe Haim Omer. Sein Rezept: Gewaltloser Widerstand. Als Pseudo-68er spricht mich das natürlich total an. Kurz zusammengefasst meint Omer, man müsse immer ruhig bleiben und sich mit Beharrlichkeit durchsetzen. Beharrlichkeit bringt Heil. Eine seiner Methoden heißt „Sit-In“. Man geht ins Kinderzimmer und spricht das Problem ganz ruhig an. Wenn das Kind mit Spielzeug wirft, wehrt man das ab und bleibt sitzen. Wenn es einen zur Tür hinaus schieben will, bleibt man sitzen. Wie der Fels in der Brandung. Wenn das Kind einen ignoriert, bleibt man sitzen. Man bleibt sitzen, bis das Kind mit einem über das Problem spricht und bereit ist eine Vereibarung einzugehen. Außerdem ganz wichtig: Schweigen. Das Kind beleidigt einen, überzieht eine mit Vorwürfen, kreischt und keift – Haim Omer rät: Schweigen. Reden ist Blech, scheigen Gold. Denn: Auch das zermürbt das Kind, das, wie Omer das nennt, „seine ganze Munition verschossen hat“, wenn es mit Bewerfen und Beschimpfen fertig ist. Es befindet sich praktisch im Belagerungszustand bis ihm irgendwann nur noch die Kapitulation bleibt. Hat es mal kapituliert, so Omer, muss man ihm unbedingt gleich zeigen, dass es einem wichtig ist und dass man nur sein Bestes will. Kurz: Man muss also einfach nur schweigend rumsitzen und warten, bis man das Kind damit fertig gemacht hat.
Da ich eher der gemütliche Typ bin, kam mir das sinnvoll vor. Vor allem habe ich, seit ich mal die rororo-Monographie über Rudi Dutschke gelesen habe, immer davon geträumt, auch mal ein Sit-In zu machen. Jetzt war es also so weit.
Mein Sohn löschte gerade mit seinen Playmobil-Feuerwehrautos einen imaginären Brand. Ich betrat schweigend sein Zimmer, holte mir ein Sitzkissen, schloss die Türe und setzte mich Haim-Omer-mäßig davor. Bis zum Elternsprechtag in zwei Stunden würde ich das mit dem Aufräumen endgültig klären.
Mein Sohn schaute mich kurz irritiert an, spielte dann aber weiter. „Wir müssen darüber sprechen, dass du nicht aufräumst, wenn deine Mutter und ich dich darum bitten“, sagte ich etwas gestelzt. „Was ist?“, fragte der Bub. Jetzt aufpassen, dachte ich, denn Haim Omer sagt: Keine Vorwürfe! „Du räumst nicht auf“, sagte ich geduldig, „Mama und ich wollen das aber!“ Er drehte sich kommentarlos weg. Aha, dachte ich triumpfierend, er ignoriert mich! Haim Omer sagt, das müsse man aushalten, bloß nicht predigen! Ich und predigen, lachte ich innerlich, ich doch nicht. Ich bin der Buddha des gewaltlosen Widerstands im Kinderzimmer!
Da klingelte das Telefon. Ich blieb sitzen. Es klingelte an der Haustüre. Ich blieb sitzen. Ich musste auf’s Klo, blieb aber sitzen. Meine Frau kam nach Hause. Ich blieb sitzen. Mein Sohn las inzwischen in einem Buch über Römer. Dieses Sit-In gestaltete sich nicht ganz so aufregend wie damals bei Rudi. Es war eher ermüdend. Ich schloss die Augen. Nur kurz, nahm ich mir vor.
Als irgendetwas gegen die Tür klopfte, schreckte ich hoch. „Du musst bald los, zum Elternsprechtag“, rief meine Frau durch die Türe. Ein Blick auf den Wecker meines Sohnes verriet mir, dass ich seit knapp anderthalb Stunden vor seiner Türe saß. Eine Stunde davon schlafend. „Und der Bub“, ließ mich meine Frau wissen, „sollte langsam mal Hausaufgaben machen.“ Ich versuchte aufzustehen, knickte aber stöhnend ein, weil meine Beine eingeschlafen waren. Mein Sohn blickte amüsiert auf und warf sein Buch achtlos zwischen die Playmobilspielsachen. Während ich schnaufend meine Beine massierte, schob er sich an mir vorbei zur Türe hinaus. „Ich geh Hausis machen.“
Die Haim-Omer-Methode, stellte ich fest, als ich mich am Türgriff hochzog, ist eher etwas für Leute mit viel Zeit. Studenten zum Beispiel. Rudi Dutschke. Eltern haben keine Zeit.

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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