Die Deutschen schreien ihre Kinder an

Einmal war ich in Washington. Und dort habe ich eine Schule besucht. Es war eine Grundschule. Erstklässler. Die Lehrerin war hochschwanger. Der Schultag begann mit etwas, dafreundschaftspins dort „Pledge of Allegiance“ genannt wurde. So eine Art Loblied und Treueschwur auf die USA. Die Lehrerin verhielt sich wie eine Schauspielerin in einer dieser Sitcom-Serien mit eingespielten Lachern. Immer ein bisschen überdreht. Sie nannte ihre Schüler „Darling“, „Honey“ und „Treasure“. Der Unterricht verlief extrem diszipliniert. Und immer war die Lehrerin ganz, ganz gespannt, wer wohl am schnellsten, am besten, am schönsten die Aufgaben macht. Und immer ist sie fast in Ohnmacht gefallen vor Begeisterung, was die Kinder da tolles gemacht haben. Es war irre. Aber das Irrste war, als ein Schüler dann doch mal unkonzentriert war und gestört hat. Da ging sie zu ihm hin und sagte mit ganz, ganz traurigem Gesicht: „You hurt my feelings.“ Das hat sie wirklich gesagt: Du verletzt meine Gefühle. Und dann war wieder Ruhe im Karton. Man will ja dann doch nicht die Gefühle der schwangeren Lehrerin verletzen. Nein, das will man nicht.
Ich als Besucher musste ein Namensschild tragen und mich bei einem Menschen vom Sicherheitsdienst anmelden. Im Flur gab es eine blaue Linie. Nur auf der durfte man gehen. Also nur im Gänsemarsch. Überall hingen Plakate, auf denen stand, wie toll und gut man sein wolle und solle. Erinnerte mich ein bisschen an die Mai-Parolen in der DDR.
Später waren wir auf einem Spielplatz. Die Kinder kreischten und rannten herum. Und interessant fand ich: Während ich einfach so herumsaß und vor mich hin glotzte, machten die meisten amerikanischen Eltern eine riesen Show mit ihren Kindern und hängten sich mächtig rein, damit die kleinen Scheißer Spaß hatten. Bei Konflikten führten die Eltern eine wertebasierte Mediation durch: „Jason, du möchtest doch auch nicht, dass dir jemand mit der Schaufel auf den Kopf haut, nicht war?“ Es war der Wahnsinn. Es war Kohlbergs Just-Community in freier Wildbahn.
Aber wie alle Kinder dieser Erde, so wollten auch die anorektischen und adipösen anglo-amerikanischen Imperialistenkinder und auch die ganz normlen amerikanischen Kinder, nicht gehen, als ihre Eltern gehen wollten. Und da machten die amerikanischen Eltern Folgendes: „Wollen wir ein Wettrennen machen? Ich bin so gespannt, wer von uns als Erster am Ausgang ist?“ Und dann rannten sie los. Und ihre Kinder fielen drauf rein und freuten sich, wenn sie an den absichtlich langsam dahin schleichenden Eltern vorbei zogen.
Später hat uns die amerikanische Verwandtschaft in Deutschland besucht. Wir waren auf dem Spielplatz. Die deutschen Eltern keiften fremde Kinder an, die ihren kleinen Schätzchen zu nahe kamen. Und als die Eltern dann gehen wollten, ihr verzogener Nachwuchs aber nicht, da keiften sie ihren eigenen Nachwuchs auch noch an. Dann ließen sie ihn wahlweise stehen oder zerrten die mit den Sandalen bremsenden Kreischer am Oberarm weg.
„Ist es normal, dass die Deutschen ihre Kinder anschreien?“, fragte mich die amerikanische Verwandtschaft. „Hast du gesehen“, antwortete ich, „da war eine Drossel! Dass es das noch gibt!“
Am Lehrerstammtisch erläuterte ich die Feststellung meiner amerikanischen Verwandtschaft. Ich überlegte laut, ob wir vielleicht tatsächlich die Kinder zu viel anschreien und ob das vielleicht falsch sei? Ein Kollege, der mal in Schweden war meinte, in Schweden seien die auch total nett zu den Kindern und es funktioniere dort auch. Aber, genau wie in den USA, hätten die auch viel mehr Platz. Bevölkerungsdichte. In Deutschland dagegen: Eng. Deshalb seien alle genervt und deshalb: Geschrei. Hypothese Eins.
Die Kollegin dagegen meinte, die Amis seien doch alle in der Psychoanalyse. Die könnten ihren Gefühlen gar keinen unverfälschten Ausdruck mehr eben. Das sei doch alles verlogener Psychoquatsch. Wir dagegen: Äußern unsere Feelings klar und direkt. Und wegen Schweden: Die hätten ja auch ABBA und Roxette. Wie solle man da denn bitte aggressiv werden. Hypothesen Zwei und Drei.
Musste an den israelischen Pädagogen Haim Omer denken, der für Erziehungsmethoden im Stil des Zivilen-68er-Ungehorsams plädiert. Sit-In im Kinderzimmer. Keine Vorwürfe, keine Geschrei, einfach nur in buddhistischer Ruhe auf der elterlichen oder lehrerlichen Meinung bestehen. Helmut-Kohl-mäßig aussitzen, bis das Kind halt nachgibt. Unsere Eltern haben vor dem amerikanischen Atomwaffenlager Sitzstreik gemacht. Wir im Kinderzimmer. Habe mich aber nicht getraut, mit den Kollegen darüber zu sprechen.
Ob wir jetzt etwas anders machen müssten, wollte ich zum Abschluss noch wissen. Einhellige Meinung: Nix, jede Kultur regelt das für sich. Aha, dachte ich und wusste dann auch nicht so genau, was ich denn jetzt denken sollte.

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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