Berufsberatung

Jetzt war ich neulich mit meiner Klasse im Berufsinformationszentrum der Arbeitsagentur. Irre modern. Alles voller Flachbildschirme und anderem modernen Computerkram. Man kommt sich vor wie in der CIA-Zentrale. Auch die Angestellten der Arbeitsagentur: Wie aus dem Ei gepellt. Alle total nett.
Meine Schüler arbeiteten sich an den Computerkonsolen durch zwei Programme. Bei „Planet Beruf“ analysierten sie ihre Kompetenzen, um herauszufinden, welcher Beruf zu ihnen passt. Und im „Berufe Net“ informierten sie sich über die ihnen empfohlenen Berufe. Ich ging derweil durch ihre Reihen und passte auf, dass nichts passiert. Und die Schüler: Ganz ernst und ganz fleißig. Auch wenn ich hier und dort zwischenmenschliche Konflikte lösen musste. Aber die Empfehlungen von „Planet Beruf“ waren eins A. Hier der Industriemechaniker beim Einserschüler in Mathe und Technik und dort eine Kinderpflegerin bei der extrem sozialen und kinderlieben Schülerin. Wunderbar. Die wissen alles über uns, dachte ich, wie bei der CIA.
Eine Konsole war noch frei. Also stieg ich auch in das Berufe-Universum ein. Nur so zum Spaß.
Zuerst musste ich mich zu meinen Interessen äußern. Ich setzte meinen Haken bei „planen/organisieren“ (Ich dachte an Unterricht.) und „dokumentieren/verwalten“ (Da dachte ich an Zeugnisse.). „He, Herr Buchholz“, meinte ein Schüler, „sie müssen noch „sichern/schützen“ machen.“ Na das sagt der Richtige, dachte ich.
Als nächstes ging es um meine Stärken. Ich dachte an den vergangenen Schultag (Unterricht, Elterngespräche, Gesamtlehrerkonferenz) und wählte „Konfliktfähigkeit“ und „Belastbarkeit“.
Schließlich musste ich mich mit meinem Verhalten auseinandersetzen. Ich kreuzte an, dass ich Geheimnisse für mich behalten kann, kein Problem damit habe, vor anderen etwas zu sagen, dass ich auch zu ungewöhnlichen Zeiten arbeite (Dabei dachte ich an Unterrichtsvorbereitung und Korrekturen.), und dass ich immer höflich zu anderen bin, auch wenn es mal schwer fällt („Kannst du bitte aufhören, deinen Nebensitzer mit dem Zirkel zu stechen!“). Schließlich gab ich noch an, dass ich in Deutsch, Mathe und Englisch gut bin. Dann war der Test durch. Ich klickte weiter und das Ergebnis erschien auf dem Bildschirm. Mir sank der Kiefer nach unten. Die Berufsberaterin kicherte nervös.
„Herr Buchholz“, nöhlte eine Schülerin, „was ist ein Polizeivollzugsbeamter?“ Denn das stand dort auf dem Bildschirm: Ich solle Polizeivollzugsbeamter im Mittleren Dienst beim Bundesgrenzschutz werden. „Erkläre ich nachher“, sagte ich höflich. „Oh Mann“, meckerten die Schüler. Die meisten zerstreuten sich wieder.
Eine Schülerin blieb stehen und schaute mir zu, wie ich im BerufeNet das Berufsbild des „Polizeivollzugsbeamten beim Bundesgrenzschutz“ öffnete. Ich begann zu lesen.
„Umsicht, Entscheidungsfähigkeit und Verantwortungsbewusstsein brauchen sie z.B. in Gefahrensituationen zur Gewährleistung der öffentlichen Sicherheit.“ Im Pädagogikheft hatte ich mal gelesen, dass ein Lehrer pro Unterrichtsstunde bis 200 Einzelentscheidungen treffen muss. „Psychische Belastbarkeit ist nötig, um die Gefährdungen im Berufsalltag auszuhalten.“ Eben, dachte ich, und dachte an von Schneebällen niedergestreckte Kollegen. Oder an Sportunterricht. Meine Güte, das will man ja auch nicht.
„Beim Kontrollieren des grenzüberschreiten­ den Reiseverkehrs zeigen sie Konfliktfähigkeit und Selbstsicherheit und bewahren bei der Konfrontation mit aggressiven Personen Beherrschtheit Im Streifen­ und Wachdienst arbeiten sie stets mit Kollegen und Kolleginnen zusammen; Teamfähigkeit ist deshalb wichtig.“ Die Schülerin hinter mir lachte: „Das ist die Pausenaufsicht, oder Herr Buchholz, wenn sie hinter den Rauchern her sind.“ Aggressive Personen mit Zigaretten meinst du wohl, dachte ich grimmig und lachte nicht. Stattdessen wurde ich sehr nachdenklich. Wollte mir „Planet Beruf“ etwas über mich, oder über meinen Beruf sagen? Da muss man mal in Ruhe drüber nachdenken.
Mir fiel Monty Python ein. Der Typ der Löwenbändiger werden will und zum Berufsberater geht.

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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Eine Antwort zu Berufsberatung

  1. annri2014 schreibt:

    Na, vielleicht noch eine neue Herausforderung in einem anderen Job? Warum denn nicht? Ich finde Vollzugsbeamter ein ehrenwerte Aufgabe :-)! Obwohl, um ehrlich zu sein, bist du doch der gemachte Lehrer mit allem was man dazu braucht.

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