„Arschglatt“: Krauchenwies – Pfullendorf, Teil 2: die Fahrt

Krauchenwies hat etwa 5000 Einwohner. Wo genau die sich alle gerade rumtreiben, weiß ich nicht. Jedenfalls nicht auf den Straßen von Krauchenwies. Das kann ich trotz Regenschlieren auf dem Busfenster erkennen, während wir die Alte Mengener Straße hinunter kriechen. Die Alte Mengener Straße ist nämlich ziemlich eng. Fußgänger hätten da von vornherein gar keinen Krauchenwies_Pfullendorf AutoPlatz. Wahrscheinlich sind die sowieso alle bei der Arbeit. Bei den beiden großen Betrieben in Krauchenwies. Bei Tegometall, Supermarktreagele herstellen, oder sie baggern in der Steidle-Kiesgrube nach formschönen Kieselbollen für den Feng-Shui-Garten. Oder sie sind beim fürstlich-hohenzollerischen Schloss als Lakaien.
Stetig geht es hinunter bis zur Hohenzollernapotheke. Da steigt der Verratzte aus. Leb wohl Verratzter, denke ich, wir werden uns wohl kaum wieder sehen.
Würden wir jetzt wieder auf die Landstraße fahren, wir wären in 13 Minuten in Pfullendorf.
Tun wir aber nicht. Stattdessen fahren wir nach Ablach. Das geht keine drei  Minuten. Ablach ist ein Ortsteil von Krauchenwies und liegt hinter einem ziemlich trostlosen Kiesgrubengelände. Noch trostloser wirkt es durch den widerlichen Schneeregen, der heute gar nicht aufhören will.
Ablach liegt am Hang. Mit Aussicht auf die verrosteten Kiesgrubengebäude. Die Einheimischen, von denen sich kein einziger sehen lässt, nennen es Abla. Mit schwäbischem A hinten. Der Busfahrer kreuzt flott an längst geschlossenen Wirtschaften, leeren Bushaltestellen, der Firma Tox-Dübel-Technik und an irgendetwas, was „Bärenklau“ heißt, vorbei. Dann fahren wir exakt die gleiche Strecke wieder zurück nach Krauchenwies. Das ist wie früher, denke ich, wenn wir am Freitag Abend in Arkus Golf mit laut aufgedrehter Musik immer im Kreis rum durch Pfullendorf gekurvt sind, bevor wir ins Deutsche Haus gegangen sind. Das ist der Dadaismus des Alltags.
Ich winke nochmal der Hohenzollernapotheke zu. Sogar der Verratzte ist noch unterwegs. Dann geht es links rum. Da ist eine Bushaltestelle. Eine Frau steht im Regen und wartet. Das kommt unerwartet für den Busfahrer. Er bremst abrupt und lässt die Türe aufzischen. „Servus“, ruft er, „du? Heut? Was ist los?“ Die Frau steigt ein: „I sott a mol noch Pfulledorf numm, woisch!“ Und während sie sich in einen Sitz hinter dem Busfahrer fallen lässt, dürckt der schon wieder aufs Gas und ruft ihr zu: „Am hellen Werkdag? Etzt guck na!“ Das sind die Unterhaltungen, die mir gefehlt haben.
Der Bus fährt jetzt in Richtung Hausen am Andelsbach. 800 Einwohner. Liegt am Andelsbach. Mein Lieblingsbach. Seine Quelle liegt bei dem kleinen Ort Glashütten, der nicht weit vom Ort Illmensee liegt. Am schönsten ist der Andelsbach an einem komplett begradigten Stück zwischen Zell am Andelsbach und Brunnhausen. Dort fließt er kerzengerade an einer Birkenallee entlang, zwei Meter breit und immer wieder in Richtung Ostracher Wald mit kleine Brücken passierbar. Er ist insgesamt etwa dreißig Kilometer lang.
Zwischenzeitlich ist es 11.50 Uhr. Der Bus nach Sigmaringen kommt uns kurz vor dem Ortschild entgegen. Die Straße hat keine Mittellinie. Und Hausen ist genau so klein, wie es sich anhört. Hier hausen sie also, kalauere ich Gedanken. Früher, also so Anfang der Achtziger, da gab es hier einen Vögele. Da musste ich dann manchmal mit meinen Eltern hin. Zum Hosen kaufen.
Kaum hat man gemerkt, man ist in Hausen, da ist man auch schon wieder raus. Dabei würde sich ein Halt vielleicht sogar lohnen. Wegen der Odilienkirche, die 1853 gebaut wurde. Zum Teil aber schon viel älter ist. Mindestens Dreißigjähriger Krieg
Und kaum ist das gedacht, da sind wir auch schon auf einer Art Traktorweg nach Ettisweiler gekommen. Mitten im nassen Ettisweiler ist eine leere, matschige Wiese. Und dahinter steht die Kapelle zu Ehren der Schmerzhaften Mutter Gottes. Tolle Sache, so mit Messern im Herzen. Katholisch eben. 1879 gebaut. Früher bin ich hier mit meinem Vater und meinem Bruder auf Radtour manchmal durch gekommen. Deshalb weiß ich das alles. Das größte Gebäude in Ettisweiler ist aber ein sehr beeindruckend großes Futtersilo. Menschen habe ich keine gesehen.
Dann erreichen wir wieder die L456. Biegen aber in Richtung Krauchenwies ab. Nicht Richtung Pfullendorf, wie man meinen könnte, wenn man im Bus nach Pfullendorf sitzt. Wir fahren bis zur Holzmühle, die kurz hinter der Ortgrenze von Krauchenwies liegt. Dann biegen wir links ab. Der Busfahrer pfeift. Das Lied kann ich nicht erkennen. Und da kommt auch schon Bittelschieß. Oder Bittelschiss, wie es mein Vater gern nannte. Bittelschieß liegt ebenfalls am Hang. Aber einem weit ausholenden Hang. Fährt man auf der L456, dann liegt es linker Hand, weit verteilt. Riesige Einfamilienhäuser, mit wahnsinns Gärten. Die Bushaltestelle liegt am Bürgerhaus. Und da halten wir. Es wollen Leute einsteigen. Ich kann es nicht fassen. Bittelschisser, denke ich und kichere. Es sind zwei. Mit dem Busfahrer sind wir jetzt  sechs Leute im Bus. Am Bürgerhaus ist das rätselhafte Wappen des Ortes an die Wand gepinselt: Ein Holzeimer und darunter ein Hirsch. Ein Loch ist im Eimer, oh Hirschi, oh Hirschi, ein Loch ist im Eimer, pfeife ich in Gedanken. Vielleicht ist es ja das, was der Busfahrer pfeift? Muss ich mich mal konzentrieren und zuhören.
Und als könnte er Gedanken lesen, pfeift der Busfahrer wieder und trommelt sogar den Takt dazu auf dem Lenkrad. Schwer zu sagen, was das ist. Der Gefangenenchor? „Atlantis is Calling“? Keine Ahnung.
Wir fahren zurück zu L456. Der direkte Weg zur nächsten Haltestelle wäre wahrscheinlich nur mit einem Geländewagen passierbar. Diesmal biegt der Bus tatsächlich in die richtige Richtung ab. Aber nur, um eine halbe Minute später wieder nach rechts, in Richtung Glashütte abzubiegen. Die Landschaft ist typisch. Graue Tannen mit Pamp-Schnee drauf, nassgraue Straße, nassgraue Wiese. Aber die Straße hat tatsächlich einen Mittelstreifen. Menschen sind auch in Glashütte nicht unterwegs. Ist ja aber auch kein Wunder. Bei 97 Einwohnern kann es schon mal passieren, dass alle gleichzeitig nicht da sind. Oder in ihren Häusern. Vor allem ist ja jetzt auch Mittagessenszeit. Ich habe bei einer Radtour mit meinem Vater hier mal ein rostiges Hufeisen gefunden. Hätte auch ein Faustkeil sein können. Denn hier lebten schon in der Steinzeit Menschen. Kaum zu glauben.Krauchenwies_Pfullendorf Bus Glashütte darf man nicht mit Glashütten verwechseln. Glashütten liegt bei Illmensee, da entspringt der Andelsbach. Glashütte liegt im Nirgendwo, hier entspringt die Einsamkeitsdepression. Irgend eine Modern-Talking-Platte hieß doch „In the Middle of Nowhere“. Das Cover zeigt auf schwarzem Hintergrund einen Blitz und ein kegelförmiges Glasdings. Eine Glashütte? War Dieter Bohlen mal hier und hat sich für das Artwork inspirieren lassen?
Hinter Glashütte biegen wir in ein Tal ab. Und da geschieht es: Gegenverkehr! Zum ersten Mal seit Hausen. Ich erschrecke fast ein bisschen. Am Grunde des Tales, in dem der Riedelbach fließt, liegt der Ort Kappel. Der wirkt kleiner als Glashütte hat aber 8 Einwohner mehr. Das Busradio empfängt hier nur noch Störgeräusche. Schön hier: Die St. Martins-Kapelle und ein irre hohes Futtersilo.
Dann geht es wieder hoch. Und da ist auch schon der Friedhof von Otterswang in Sicht. Kappel liegt auf 640 Metern. Otterswang auf 612 Metern. Hinter dem Friedhof geht es deshalb steil runter. Der Busfahrer legt eine Vollbremsung hin und reißt das Steuer herum, so dass der Bus in Schieflage gerät. Schon wieder Gegenverkehr! Zum dritten Mal seit Krauchenwies. Und diesmal ist es ein Laster, ein richtig echter Laster, der den Berg herauf kriecht.
Der Bus fällt aber doch nicht um, wie ich im ersten Schreck angenommen hatte. Und das Radio hat auch wieder Empfang. Wir passieren glücklich das Ortsschild von Otterswang. Hausen, Ettisweiler und Bittelschieß gehörten zu Krauchenwies. Glashütte und Kappel zur Gemeinde Wald. Aber Otterswang ist ein Ortteil von Pfullendorf. Pfullendorf! In Otterswang fährt ein Traktor. Der Bus biegt wieder ab in Richtung L456. Er fährt vorbei am Kehlbachstüble, wo wir bei unseren Radtouren immer ein Spezi getrunken haben. Und  manchmal waren da auch Kindergeburtstage. Im Kehlbachstüble kann man nämlich kegeln. Einmal habe ich dort Spätzle bestellt. Die Bedienung, frisch aus dem Osten eingewandert, hat mich irritiert angeguckt und gefragt: „Meinst du Nudeln, Kleiner?“ Ist auch schon wieder über zwanzig Jahre her.
Dann erreichen wir wieder die L456. Der Bus biegt nach rechts ab und lässt das offensichtlich leerstehende Gasthaus Fischerstüble hinter sich. Noch verdeckt ein kecker Vorsprung des Neidling Waldes die Skyline von Pfullendorf. Dann tauchen die Silos des Aussiedlerhofes auf und zu guter Letzt: Pfullendorf. Es ist 12.11 Uhr. Ich mag es, von Otterswang her auf Pfullendorf zu zufahren. Da sind links die Langen Äcker, da wohnte einst mein Freund Örg. Rechts ist das neue Industriegebiet mit Obi und Burger King. Man kann den Seepark erahnen. Wunderbar. Der Bus fährt am Deutschen Haus vorbei, direkt zum Busbahnhof. Man sieht den Stadtsee, das AOK-Gebäude, den Kirchturm von St. Jakob, die Grundschule am Härle, das Obertor. Alles nass. Richtig nass. Und grau. Die bewegungslose Frau, die Krauchenwieserin, die zwei Bittelschießer und ich steigen aus. Ich rutsche sofort aus. „Arschglatt“, sagt die Krauchenwiesern zu mir. Und ich merke gleich: „Uffbassa!“
Dann mache ich mich auf den Weg zu meinem Elternhaus. Einmal quer durch den Ort. Und ich freue mich drauf! Auch wenn das heute eine ziemlich graue Angelegenheit ist.

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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2 Antworten zu „Arschglatt“: Krauchenwies – Pfullendorf, Teil 2: die Fahrt

  1. annri2014 schreibt:

    Super! Gut geschrieben! Ich bin die Strecke vor ca. 35 Jahren zwei Jahre lang zur Schule und zurück gefahren und hab sie genau so in Erinnerung. Nur der Bus war immer gut gefüllt.

    • Ens Oeser schreibt:

      Stimmt, hab ich ganz vergessen! Ich dachte ja immer, die Strecke Saulgau – Pfullendorf sei verrückt. Aber jetzt weiß ich, wäre ich nach Sigmaringen gegangen, es wäre der gleiche Mist gewesen. Das Ablach der Saulgaufahrt waren Ochsenbach und Hahnennest. Oh Mann.

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