„Anderschterrum“ – Krauchenwies – Pfullendorf, Teil 3: die Stadt rauf

Wenn man in Pfullendorf am Busbahnhof ankommt, dann ist das Schöne, dass es von dort aus nur noch aufwärts geht. Das hat den tapferen Pfullendorfen das Ende der Eiszeit eingebrockt. Die hat nämlich genau da, wo später Pfullendorf gebaut wurde, einen Molassehang zurück gelassen. Und da müssen die Pfullendorfer jetzt immer rauf und runter. Man fragt sich, was die ersten Siedler wohl für Typen waren. Fitnessfanatiker? Ach, haben sie sich vielleicht gesagt, wenn wir am Hang wohnen, dann bleiben wir in Form, ist doch super. Na vielen Dank! Eine Fahradfahrerstadt ist Pfullendorf vielleicht auch deshalb nie gewesen. Runter lasst mans laufen, hoch muss man sowieso schieben. Da hat ja echt keiner Lust drauf.
Immerhin hat die Stadt jetzt dreizehntausend Einwohner. Und eine praktisch leerstehende Altstadt. In den goldenen Neunzigern wurde der wunderschöne mittelalterliche Kern der Stadt freigelegt und renoviert, was das Zeug hielt. Sogar eine Fußgängerzone wurde eingerichtet. Die schlimmsten Sünden der 750-Jahr-Feier von 1974 wurden wieder gut gemacht. ’74 stand man auf abreißen und betonieren. Aber in den Neunzigern wurde aus der abgasgrauen Altstadt ein kleines, belebtes Schmuckstück.
Jetzt ist es aber nunmal so, dass der Kapitalimus maximale Gewinnsteigerungen verlangt, die auf so engem Raum kaum rauszuholen sind. Und so verlagerte sich das Einkaufszentrum Pfullendorfs in das neue Industriegebiet. In der Unterstadt (genau: Städte, die am Hang liegen haben soetwas) gibt es noch Läden. Die Oberstadt steht leer. Es ist wie an der Grenze zu Polen. Manchmal begegnet einem kein Mensch. Auch nicht an einem Werktag. Aber heute ist eigentlich ganz ordentlich was los.
Es ist glatt. Der Regen friert fest. Und ich muss den ganzen Molassehügel rauf. Die Leute laufen alle rum wie die Seiltänzer. Ich auch.
Darum entschließe ich mich, den Weg durch die Altstadt zu nehmen. Dann, das ist mein Plan, kann ich in flachen Kurven den Berg hinauf und so dem Glatteis ein Schnippchen schlagen.
In der Unterstadt funktioniert das. Aber am Marktplatz bleibe ich stehen. Von da aus geht es nämlich in gerader Linie, steil den Berg hinauf. Sieht romantisch aus. Ist es heute aber nicht. Ein rauchende Frau stolpert auf dem Eis. Sie probiert ein paar Mal den Aufstieg und kann sich jedes Mal nur mit Mühe vor einem Sturz bewahren.
Dann rutscht sie auf mich zu. „I glaub“, keucht sie mit rauer Raucherstimme, „i gang anderschterrum.“ Ich nicke. Das sollte ich vielleicht auch tun. Aber erst bewundere ich noch das Rathaus, vor dem ich stehe. Ein Immobilienmakler, der dort die Ausstellungsfläche nutzt, hat ein anrührendes, selber gemachtes Gedicht über Pfullendorf ausgehängt. Man glaubt es kaum.

Gedicht PfullendorfSo gestärkt, nehme ich den Aufstieg in Angriff. Es geht nicht. Darum beschließe ich durch die Schneehaufen am Straßenrand zu waten. Die bieten Halt. Das ist anstrengend und ich kriege nasse Füße. Ist aber egal. Die Stadt ist ja trotzdem schön anzugucken. Ein Juwel, denke ich. Und so erreiche ich tatsächlich glücklich das Obertor, eine wunderbare Toranlage, die einst zur Stadtmauer gehörte. Jetzt muss ich nur noch auf dem Bergkamm entlang. Geschafft!
Ich blicke auf die Stadt hinunter. Selbst durch den Regendunst erkennt man den großen Schriftzug „Geberit“. Egal, wo ich auf der Welt sanitäre Anlagen nutze, dieser Schriftzug ist mir sogar in den USA wieder begegnet. Ein Stück Heimat. Die Geberit produziert Kloschüsseln. Offenbar ein florierendes Geschäft, denn die Firma wird ständig größer. Oder, wie einer, mit dem ich damals öfter zu tun hatte und der bei der Geberit arbeitet, gerne sagte: „Geschissen wird immer!“ Früher gab es noch die KARO in Pfullendorf. Die haben passender Weise Güllefässer produziert. Heute ist auf dem Firmengelände eine Neubausiedlung.
Wer in Pfullendorf wohnt, produziert also entweder Klos oder: Küchen. Für die Küchen ist die Firma ALNO zuständig. Die wird immer kleiner. Es wird zwar auch immer gegessen, das eine bedingt ja das andere, aber die Leute wollen dieses Essen immer seltener in einer Küche der Firma ALNO zubereiten. Die Küchen sind einfach nicht mehr so gut. Früher war mein Vater dort Chef der Qualitätsprüfung. Seit er in Rente gegangen ist, ging es mit der Qualität der Küchen und der Firma insgesamt abwärts. Früher gab es noch viel Militär in Pfullendorf. Panzer und alles drum und dran. Vielleicht sogar Atomraketen? Auch vorbei. Es gibt zwar noch Soldaten. Aber eben nicht mehr so viele. Klos, Küchen, Militär, Molassehügel, Mittelalter und ein überwindbarer Berg an Erinnerungen. Das ist Pfullendorf. Jeder Quadratmeter erinnerungs-kontaminiert. Ich schlendere weiter. Am Amtsgericht und am ehemaligen Gefängnis vorbei. Dann bin ich da. Mein Elternhaus. Da steht es.
Ich habe das Haus in Reutlingen um halb Neun verlassen. Es ist jetzt kurz vor dreizehn Uhr. Achtzig Kilometer. Mit dem Auto knapp über eine Stunde. Mit Bus und Bahn etwa fünf Stunden. Ich weiß nicht, ob die Betreiber der öffentichen Verkehrsbetriebe damit kalkulieren, dass bei ihnen nur Arbeitslose mitfahren, die ja Zeit haben und sich kein Auto leisten können?
Aber: Man muss nicht ins Dschungelcamp, um etwas zu erleben. So viel ist mal klar. Und für das Abenteuer hat es sich auf jeden Fall gelohnt.

Advertisements

Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
Dieser Beitrag wurde unter Popkultur abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu „Anderschterrum“ – Krauchenwies – Pfullendorf, Teil 3: die Stadt rauf

  1. annri2014 schreibt:

    Ende gut, alles gut! Irgendwann erreicht man auch so abgelegene Siedlungen wie Pfullendorf! Noch eine kleine Korrektur. Bei Geberit werden keine Kloschüsseln hergestellt sondern Spülungen für Toiletten.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s