„Uffbassa“: Krauchenwies – Pfullendorf, Teil 1: Abfahrt


Man kann ja heut zutage nichts mehr erleben. Nichts Neues unter der Sonne. Alles ist schon mal gesagt oder getan worden. Jetzt bin ich aber neulich mit dem Zug von Reutlingen nach Sigmaringen gefahren. Mein eigentliches Ziel war Pfullendorf, die Perle des Linzgaus. Linzgau heißt das Niemandsland zwischen Alb und Bodensee. Die tote Zone zwischen Sigmaringen, Bad Saulgau und Überlingen. Autobahn? Was ist das? Man kommt schwer weg und man kommt schwer hin. Seit 1974 fährt kein Zug mehr nach Pfullendorf. Darum: Bus.
In Sigmaringen angekommen, bin ich ziemlich seekrank. Mit Neigetechnik über die Schwäbische Alb. Es regnet in den zu glitschigem Eis zusammengesackten Schnee. Der Himmel sieht aus wie angelaufener Stahl. Zwei Farben dominieren: Schwarz und Grau. Wenn man genau hinguckt, dann schimmert es an manchen Stellen schmutzbraun oder chlorblau durch. Die Nässe trieft überall herunter und friert am Boden fest. Weil ich noch Zeit habe, tänzle auf dem spiegelglatten Asphalt zum Bahnhofscafe.
Zwei Obdachlose blättern in „Merci Udo“. Ich stelle mich neben sie und rühre in meinem Milchkaffee. Sie unterhalten sich über Silvester. Ein Polizist hatte dem einen zwanzig Euro zugesteckt, damit er verschwinde. Da hatte der zum Polizisten gesagt, dass das zu klein sei zum Zudecken. Da habe der Polizist gesagt, er sie undankbar und solle sich zum Teufel scheren. „So ein Arschloch“, nickt der andere.
Dann wird es Zeit für den Bus. Als ich zu unvorsichtig auf die Straße gehe, rutsche ich und kann nur sehr unelegant rudernd einen Sturz verhindern. „Uffbassa“, ruft mir einer der Obdachlosen nach, „s’isch arschglatt!“ Ich winke ihm dankend zu und stelze balancierend in Richtung Busbahnhof.
Sigmaringen PfullendorfDer Weg von Sigmaringen nach Pfullendorf ist eigentlich ganz einfach. Laut Google-Routenplaner fährt man einfach kerzengerade auf die L456. Genau in der Mitte der Strecke bremst man zwei Mal ab. Diese Mitte ist Krauchenwies, das einzige nennenswerte Hindernis auf einer ansonsten sehr schönen Raserstrecke. Google behauptet, dass man etwa 21 Minuten braucht. Meine Erfahrung sagt mir, dass man eher eine halbe Stunde lang unterwegs ist. Mein Freund Arkus hat mal behauptet er habe mit seinem 50PS Golf, Baujahr 1981, genau zehn Minuten gebraucht. Mit dem Fahrrad braucht man zwei Stunden. Zu Fuß etwa die ganze Nacht. Das weiß ich, seit ich mal den Disco-Bus verpasst habe und dann ab Krauchenwies heimlaufen musste. Nachts um 3. Aber der Linienbus, der Bus mit dem ich fahren werde, braucht genau eine Stunde.
Wie eine Ballerina tänzle ich zu der Bushaltestelle mit dem Schild „Pfullendorf“. Daneben steht völlig regungslos eine Frau im Schneeregen. Einen Augeblick lang befürchte ich, dass sie festgefroren ist. Aber dann packt sie einen Schirm aus. Eine Weile lang stehen wir dann beide da. Ihr Schirm und ich werden immer nässer. Da kommt tatsächlich noch ein weiterer Fahrgast angeschlittert. Jung aber verratzt. Die Hände in den Taschen. Das, denke ich, sind alles ziemlich sichere Indizien, dass hier tatsächlich in Kürze ein Bus fahren wird. Ich kann es kaum glauben.
Ich liebe Pfullendorf, ich gehe gerne hin. Aber es ist eine schwierige Liebe. Wir haben nie so recht zusammengepasst, Pfullendorf und ich. Und als es doch noch etwas hätte werden können, da musste ich wegziehen.
Und dann kommt tatsächlich der Bus angerauscht. In organgener Leuchtschrift steht über der Frontscheibe „PFULLENDORF“. Mir wird etwas mulmig. Bei seiner Schleife auf dem Busbahnhof fährt er für die Wetterverhältnisse unangemessen schnell.
Als der Bus vor uns anhält, springe ich zurück, weil ich Angst habe noch nässer gespritzt zu werden. Die Frau mit dem Schirm bleibt einfach stehen. Ein Denkmal der Standhaftigkeit. Es passiert auch nichts, weil die Nässe an den Schneehaufen abperlt. Sie hat es drauf, denke ich und lasse sie und den Verratzten zuerst in den Bus klettern.
Der Busfahrer ist ein agiler, grauhaariger Mensch. Typ: Robert Atzorn, ein Doktor Specht des Linienverkehrs.
„Pfullendorf“, sage ich. Er hält inne und schaut mir direkt in die Augen. „Pfullendorf?“, wiederholt er ungläubig und pfeift einen bewundernden Bogen, also wolle er sagen: „Du willst nach Mordor, Fremder?“ oder „Du willst in die Unterwelt?“
Ich will von ihm wissen, ob er am Amtsgericht anhält. „Weiß ich nicht“, sagt er, „da muss ich erst im Plan nachgucken.“ Er faltet einen abgenutzten Fahrplan auf und sagt „Amtsgericht, Amtsgericht, Amtsgericht“. Dann stockt sein suchender Finger, er blickt auf: „Nein, Pfullendorf nur Busbahnhof, sorry!“ Na dann, denke ich und nicke.
Ich umklammere meine Fahrkarte und setze mich hin. Es ist wohlig warm im Bus. Das Radio dudelt Achtziger-Jahre-Pop. Der Busfahrer pfeift mit und drückt aufs Gas. Bis Krauchenwies fährt er genau so, wie ich auch fahren würde. Über die L456. Aber dann weicht er ab und das Abenteuer beginnt.

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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