Das Skelett

Ich mag es morgens im Dunkeln am Schulhaus entlang zu schlendern und in den hell erleuchteten Klassenräumen beim Unterricht zu zuschauen.

Aber heute habe ich einen Schock erlitten. Mein verträumter Blick glitt in einen Naturwissenschaftssaal. Die Schüler saßen in ihren Bänken. Und vorne an der Tafel stand … huch … ein Skelett! Ich blieb stehen und rieb mir die Augen. Aber es war immer noch da! Mein Gott, dachte ich, die Lehrerkollegien sind doch gar nicht mehr so überaltert! Was ist da los? Ist das wegen der neuen Regelungen zur Mehrarbeit? Oder Vertretungsprobleme?
Ich stellte mir die Szene vor.
Skelett: „Mir geht’s nicht so gut, kann ich heim?“ Rektor: „Stell dich nicht an, Dieter, es fallen auch so schon viel zu viele Stunden aus!“ Skelett: „Ich weiß nicht, ich fühle mich heute so tot!“ Rektor: „Jetzt reiß dich halt zusammen!“ Skelett: „Okay!“ Klappert davon. Eine Kollegin geht vorbei. „Mensch, Dieter, du siehst aber bleich aus, geh doch heim!“ Das Skelett winkt mit der Knochenhand ab und sagt: „Ne, ne, geht schon!“ Rektor guckt zum Konrektor: „Der Dieter glaubt echt er bräuchte nicht zu unterrichten, nur weil er vor fünf Jahren gestorben ist.“ Konrektor lacht und schnaubt: „Der Simulant, der weiß doch ganz genau, dass er als Beamter seinen Dienst mit voller Hingabe erfüllen muss!“ Die Kollegin guckt ins Rektorat: „Mensch, auf den Dieter müssen wir aufpassen, sonst kriegt der noch ein Burnout.“
Oder war es umgekehrt? Rektor: „Mensch Dieter, du bist vor fünf Jahren gestorben, jetzt ist es doch auch mal gut!“ Skelett: „Ich bin aber mit dem Stoff noch nicht durch!“ Rektor: „Wir schaffen das schon, Dieter.“ Skelett: „Das glaubst du aber – ich bin Beamter, ich kenne meine Pflicht!“ Klappert davon. Rektor und Konrektor gucken sich mit hochgezogenen Augenbrauen an.
Eine Weile lang starrte ich noch benommen durch das Fenster. Dann hörte ich hinter mir Schritte. Ich schüttelte mich, schaute mich kurz um, ob mich jemand beobachtet hatte und schlenderte dann unauffällig pfeifend weiter. Kein Wort. Zu niemandem. Die halten mich doch alle für doof.

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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