Gute Vorsätze

Erster Schultag im Jahr 2015. Ich sitze im Lehrerzimmer an meinem Platz und schreibe meine guten Vorsätze auf. Die abgeklärte Kollegin guckt mir interessiert zu.
„Erstens“, schreibe ich, „Ich werde nicht klagen. Nicht über Arbeitsüberlastung. Nicht über die Schulleitung. Nicht über Kollegen. Nicht über Schüler. Über die schon gar nicht.“
Die abgeklärte Kollegin grinst. „Vergiss es“, sagt sie und schüttelt den Kopf, „das ist ein Gen, das Klage-Gen, das haben alle Lehrer.“ Warum ist denn immer alles so schwierig, denke ich, schreckliche Kollegen, also echt, das muss ich meiner Frau erzählen. Ich denke kurz nach und schreibe weiter.
„Zweitens: Ich werde zu Hause nicht mehr pausenlos über Schule reden.“
„Hab ich meinem ersten Mann auch versprochen“, sagt die abgeklärte Kollegin, „mein zweiter konnte besser damit umgehen.“ Ich rücke etwas ab von ihr. Sie rückt nach.
„Drittens: Ich werde den Gesamtlehrerkonferenzen aufmerksam und interessiert folgen. Ich werde nicht mit meinem Nachbarn tuscheln. Ich werde nicht heimlich Briefchen verschicken.“
Die abgeklärte Kollegin lacht. „Sowas machst du, wie alt bist du?“ Aber du, denke ich böse. Dann werfe ich einen gehetzten Blick auf die Uhr und schreibe weiter.
„Viertens: Ich werde pünktlich den Unterricht beginnen. Kollegen, Sozialarbeiter, Schulleiter und andere, die mich im Flur zwischen Lehrerzimmer und Klassenzimmer auflauern, werde ich im Namen der Pünktlichkeit stehen lassen.“
„Pünktlich“, hustet die abgeklärte Kollegin, „du?“ Ich ignoriere sie und schreibe weiter.
„Fünftens: Ich werde sofort nach der Klassenarbeit korrigieren. Auf keinen Fall werde ich die Korrekturen wochenlang herum liegen lassen. Auf keinen Fall werde ich erst dann anfangen zu korrigieren, wenn ich die nervigen, bohrenden Fragen der Schüler („Wann kriegen wir eigentlich …“) nur noch patzig und ausweichend beantworten kann („Zerbrich du dir nicht meinen Kopf, verstanden!“).“
„Guter Punkt“, sagt die Kollegin und klopft auf die Heft-Stapel an ihrem Platz, „hab ich auch schon mal gedacht, dass man das eigentlich machen sollte!“ Eigentlich, denke ich resigniert. Aber eines muss ich noch aufschreiben.
„Sechstens: Ich werde mein Arbeitszimmer aufräumen. Meine Unterlagen ordnen.“
Da lacht die Kollegin wieder. „Das habe ich mir 1985, 1995 und 2005 auch vorgenommen“, sagt sie und wird nachdenklich, „ahh, nein, 2005 schon nicht mehr, da war ja schon die Scheidung von meinem zweiten Mann, der sich darüber immer so aufgeregt hat. Mein jetziger Lebensgefährte staubsaugt immer einfach um die Stapel auf dem Fußboden herum, süß oder?“ Ich nicke. Dann geht sie. Sie will pünktlich im Unterricht sein. Ich bleibe sitzen. Ratlos.

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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