Die Geschichte zum Lied: Aufgehört anzufangen


„Manchmal ist mir so langweilig, und dann tue ich mir selbst so leid.“ Das hatte ich im Februar 2000 bei der Begrüßungsveranstaltung des Staatlichen Seminars für Didaktik in Nürtingen auf meine Unterlagen geschrieben. Das Referendariat ist schrecklich. „Bevor du Lehrer werden darfst, wirst du erst mal richtig fertig gemacht“, raunten sie einem an der Pädagogischen Hochschule schon immer zu. Das wusste jeder. Sogar die ganz und gar eingeweihten Professoren-Lieblinge sagte: „Das Ref wird hart.“ Wir hatten Angst. Wenn die das schon sagten. Das Ref, so schien es uns, war wohl das reinigende Fegefeuer, das einen von den Sünden der Spät-Adoleszenz reinwusch, damit man dann unbefleckt in das Erwachsenen-Dasein einsteigen konnte.
Und so saß ich, das Jahr 2000 hatte vor wenigen Tagen begonnen, in meiner soeben bezogenen Wohnung in Reutlingen-Betzingen herum. Ein Zimmer in einem moosgrünen Kasten aus den Siebzigern. Die tief stehende Winter-Sonne blendete durch die riesigen Fenster. Meine Matratze lag auf dem Boden. Ansonsten war alles voller Sperrmüllmöbel. Ich konnte mir absolut nicht vorstellen, dass ich das Referendariat schaffen würde. Schon Organisationsplan hatte ich nicht kapiert. Darum ging ich davon aus, dass sich der Kauf von richtigen Möbeln nicht rentierte. Mir fehlte das Bohèm-Leben an der Pädagogischen Hochschule. Mir fehlte meine Arbeit bei der Pfullendorfer Lokalredaktion der Schwäbischen Zeitung. Mir fehlte das Gefühl, Herr der Lage zu sein. Alles in allem ein ziemlich trostloser Einstieg in das unabhängige Erwachsenenleben. Irgendwie hatte ich mehr Glamour erwartet. Stattdessen: Eine beschissene Wohnung in einem stinklangweiligen Vorort. Und vor allem: drückende Einsamkeit. Eine Einsamkeit, die auch daher kam, dass die anderen Lehreranwärter, die ich im Seminar kennenlernte, so befremdlich souverän waren. Karriereorientierte Stießel, die sich voll und ganz auf die Zertrümmerung ihrer Persönlichkeit einließen, damit sie ja das blöde Referendariat bestanden. Es war zum Kotzen. Ich ging ins Seminar. Ich ging zur Schule. Aber überall war ich ein Fremder unter Fremden.
Schule fand damals hauptsächlich morgens statt. Die Ganztagesschule war noch Science-Fiction. Außer an den Seminartagen, hatte ich meistens so gegen 13 Uhr Feierabend. Völlig fertig warf ich meine Tasche in die Ecke, schob eine Fertigpizza in den Backofen, schleppte mich zum Fernsehsessel und drückte auf der Fernbedienung herum. Dann starrte ich den ganzen Mittag lang in die Röhre. Es war die Zeit der Talkshows. Man konnte den lieben langen Tag einer handvoll Vollidioten dabei zugucken, wie sie in wechselnden Studiokulissen über Nullinger-Themen schwafelten und sich dabei in die Haare kriegten.  Und als wäre das alles noch nicht schlimm genug, gab es danach noch „Jeder gegen Jeden“, eine nicht minder hirntote Gameshow.

Völlig fertig mit den Nerven gelang es mir meistens, so gegen halb Sechs den Fernseher auszuschalten. Die Stille nahm mir den Atem. Meine Augen flimmerten. Und wenn ich zum Fenster raus schaute, sahen die Gärten und Häuser irgendwie aus, als seien sie ein impressionistisches Gemälde. Monet, oder Manet? Keine Ahnung. So van Gogh-mäßig eben. Vielleicht auch, weil ich nie meine Kontaktlinsen reinmachte. Fernsehen ging ja auch so. Mein Fernsehkonsum war völlig außer Kontrolle gearten. Gut, dass der Fernseher im April den Geist aufgab. Ein paar Tage lang starrte ich noch den kaputten Fernseher an, ehe ich begriff, dass es wirklich vorbei war. Zwangsweise musste ich mich also anders beschäftigen.

Ich saß an meinem Schreibtisch. Ich wollte anfangen Unterricht vorzubereiten. Aber dann hörte ich damit auf. Ich nahm die Gitarre und spielte „Boys don’t cry“ von The Cure. Das war so schön deprimierend. Ich wurde immer langsamer und erinnerte mich an „Manchmal ist mir so langweilig …“. Erst sang ich es zur Melodie von „Boys don’t cry“, dann veränderte ich die Melodie. Der Text ging ganz von selber weiter. Meine Wohnung ein Beuys-Kunstwerk. Ich, wegen der Fertigpizza, ein Rembrandt. Die seltsamen Nachbarn kubistische Piccasos. Vor allem der Kehrvers war einfach. Was hatte ich gerade getan? Ich hatte aufgehört, anzufangen. Voll witzig, irgendwie. Und da war es, das Lied. Ich nahm es auf mein Diktiergerät auf, wo es erstmal ein paar Monate schlummerte.
Seit den Aufnahmen zu „Probleme“ war unser Produzent Arkus faktisch zum Bandmitglied aufgesteigen. Den Lehrerberuf hatte er aufgegeben. Er absolvierte eine Ausbildung zum Tontechniker in einem Tonstudio in Konstanz. Darum war er absolut up-to-date mit der damaligen digitalen Tontechnik. Das war gut für uns. Denn sowohl unser Schlagzeuger Örg, als auch unser einziger echter Gitarren-Held Efan waren uns ja abhanden gekommen. Und wir hatten keinerlei Übung mehr mit unseren Instrumenten. Also puzzelte Arkus aus vielen kleinen digitalen Ton-Schnipseln unsere Lieder zusammen.
Die Aufnahmen für unsere zweite CD „Hobbypop“ hatten 1999 in Weingarten angefangen. Jetzt saßen wir in der winzigen Wohnung von Arkus und nahmen dort auf. Für „Aufgehört anzufangen“ bastelte er uns eine Rhythmus-Spur mit Bongo und Tschiki-Tschiki. Und den Rest machten wir tatsächlich selber und am Stück. Cool ist vor allem die von Laus gespielte Mini-Gitarre mit nur fünf Saiten. Die Hohe E-Saite war gerissen. Cool außerdem das Tüdeldüt von Ennis auf der gleichen Gitarre. Man hätte ihn bei seinen virtuosen Verrenkungen filmen sollen.

Und so saßen wir da, im Winter und Frühling 2000 und Winter 2001, tranken Darmflora freundlichen Joghurt, kippten sodbrennenden Fabersekt und nahmen Lieder auf. In Konstanz. Im Nebel. Und Arkus bastelte alles zusammen. Eine schöne Erholung war das von den Strapazen des Erwachsenenlebens.

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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