Die Geschichte zum Lied: Schlafen


Das Schlafen war im Laufe meines Studiums zu einer meiner Lieblingsbeschäftigungen geworden. Liegt ja auch nahe, wenn man sowohl ein schönes großes Sofa, als auch ein schönes Bett in der Studentenwohnung stehen hat. Studieren gehen, heimkommen, schlafen, essen, schlafen, fernsehen, schlafen, zu müde zum Seminar nachbereiten, ins Bett gehen. Damals gab es noch kein Internet. Nur in der Pädagogischen Hochschule. Und da war man noch der Ansicht, dass sich das wohl nicht durchsetzen würde. Und der einzige Mensch, der ein Handy hatte, war der Langzeitstudent, der schon da war, als ich kam und der auch noch weiter studierte, als sogar ich mit den Prüfungen fertig war. Darum musste man Bücher lesen. Und auch das war auch toll. Eine Seite auf dem Sofa liegend lesen. Einschlafen. Aufwachen, weiter lesen. Einschlafen … Wenn das Sommersemester zu Ende war und ich noch irgendwelche Hausarbeiten zu schreiben hatte, dann lag ich manchmal bis in den Nachmittag hinein im Bett. Es war großartig. Schlafen war für mich also eine dominante Angelegenheit. Ist es heute noch. Aber ich habe nicht mehr so viel Zeit dafür. Jedenfalls war mir klar, dass ich ein Lied darüber schreiben musste. Und es sollte wie „Swallowed“ von Bush klingen. Das andrerseits wiederum ein schamloses Plagiat von „Heart Shaped Box“ von Nirvana war. Tolles Lied. Besser noch als das Lied: Das Video. Es war die Hochzeit von Grundge. Darum wollte ich auch ein Grundgelied. Die Zeile „Bei mei’m Radiowecker / zieh ich den Stecker“ hatte ich schon vor einiger Zeit auf das Deckblatt meines Entwicklungspsychologie-Readers geschrieben. Donnerstag, erster Block bei Professor Heger. Na ja. Und dann musste der Text halt auch so weiter gehen. „Die Zeit interessiert mich nicht mehr…“ und so weiter und so fort. Depressiv wie bei Curt Cobain und Bush. Verlassener Typ wird depressiv, weil seine Tussi nichts mehr von ihm wissen will. Ich erinnere mich daran, dass Laus das total bescheuert fand. Das konnte ich damals nicht verstehen. Heute schon. Trivial, trivialer, am trivialsten. Pop-Cliché hoch drei. Die Melodie überlegte ich mir während eines Fernsehfilms mit Heike Makatsch. „Das gelbe vom Ei“ oder so. Ein blöder Film. Jürgen Vogel spielte glaube ich auch mit. Half trotzdem nichts. Ich hatte beschlossen, dass es ein kompliziertes Lied werden sollte, das die Typen von Pussybox alt aussehen lässt. Pussybox war eine Weingärtner Band, die sich aus Studenten der Fachhochschule zusammen setzte. Sie spielten Grundge. So Bush-mäßig. Sie waren viel, viel besser als wir. Auf ihre Art. Irgendwie. Und sie sahen gut aus. Ziemlich gut. Besser als wir, was ja nicht schwierig war. Und ist. Jedenfalls sollte „Schlafen“ ein Lied sein, das deren nichtssagenden englisch-sprachigen Liedern Konkurrenz machen könnte. Es beginnt mit Fis, geht auf auf A, wechselt auf Cis und dann auf G. Die Melodie kommt leise knurrend angeschlichen. Wie es sich gehört im Grundge. Im Refrain wechselt das Lied von G Auf E, wieder auf G und dann auf H und dann auf F und von da geht es wieder in die Stropfe auf Fis über. Als wir das zum ersten Mal im Probenraum ausprobiert haben, konnte Efan gar nicht glauben, dass sich das tatsächlich harmonie-technisch auflöst. Tut es aber. Abgefahren! Finde ich immer noch stark. Bevor wir die ganze Angelegenheit mit Ach spielten, machte ich in meinem Kinderzimmer ein Demo. Da noch mit der Textstelle „Alles soll schwarz sein“. Das Demo von 1997 beginnt mit einem Cassettenschnipsel aus dem Jahr 1984. Mein zwei Jahre vorher gestorbener Freund Arkus und ich spielten Interview. „Haben Sie schon eine Freundin?“, fragte er. Und ich antwortete: „Aber natürlich!“ Von nichts waren wir damals weiter entfernt, als von einer Freundin. Das kam mir passend vor. Beim Demo hört man ziemlich deutlich, dass ich gerne Curt Cobain wäre. Ich hatte zwischen Mikrophon und Cassettenrekorder meinen Gitarrenverzerrer geschaltet. Fand ich cool. Klingt auch tatsächlich irgendwie gut. Oder? Später haben wir das Lied für die Achstrasse aufgenommen. Da hört man zwar noch unser etwas verpufftes Anliegen, wie Nirvana zu klingen, aber Laus mit seinen Oasis-Gitarren-Einsprengseln, lenkt die Angelegenheit dann doch in eine ganz andere Richtung. Und im Endergebnis klang das Lied dann doch eher nach Ach, als nach Grundge. Wenn auch Ach mit Rumms. Oder Bumms?

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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