Politischer Heilig Abend

Mein Heiliger Abend war dieses Jahr sehr politisch. Das lag nicht nur daran, dass während des Heilig Abend Gottesdienstes der Dings neben mir saß, der … na, … ,äh, … wie heißt der doch gleich … Schmid, Nils Schmid. Der kleine Nils. Finanzminister und stellvertretender Ministerpräsident von Baden-Württemberg. Nein, Nils Schmid war wahrscheinlich der unpolitische Aspekt des Heilig Abend. Es lag am Krippenspiel. Dieses Jahr war es brandaktuell.
Die erste Ebene spielte in der Gegenwart. Der traurige Obdachlose Otto sitzt am Heilig Abend bei bitterer Kälte unter seiner Brücke am Lagerfeuer und denkt nach. Da kommt zufällig ein deutsches Mittelstands-Kid beim Gassi führen seines Wauzis vorbei. Im Schlepptau: Das soeben aus dem Iran eingewanderte Mädchen Suleila. Ganz, ganz zufällig kommen die beiden mit dem Obdachlosen ins Gespräch. Der Obdachlose singt ihnen ein Lied darüber, wie er ins Elend geriet. Und natürlich kommt dann das Gespräch auf Weihnachten. Jetzt hat die Suleila halt keine Ahnung, was Weihnachten ist. „Was ist denn dieses Weihnachten, wovon ihr dauernd sprecht?“, will sie wissen. Und da erweist sich Otto, der Obdachlose, als kompetenter Kenner der Bibel. Und weil es die beiden es unbedingt wollen, erzählt er ihnen die Weihnachtsgeschichte.
Auf der Bühne der Kirche entfaltet sich jetzt hinter der aktuellen Obdachlosen-Einwanderungs-Kulisse das Flüchtlingsdrama von Maria und Josef, eingerahmt von traditionellen Weihnachtsliedern („Wer klopfet an?“ usw.).
Dann kommen auch noch die vornehmen Eltern des Mittelstands-Kid unter der Brücke vorbei und geben Otto Gelegenheit, über die verlogenen Sonntags-Christen zu schimpfen. „Denn: Wo ist der Jesus geboren? Im Stall, nicht in einer Villa mit Pool“, erklärt Otto. Und die ersten, die zu ihm gekommen seien, das wären die Hirten gewesen. Die hätten in der damaligen Gesellschaft als gewaltätige Intensivtäter gegolten. Die Botschaft des Glaubens sei nämlich, dass alle dazugehörten.
Während Jesus nach den üblichen Zurückweisungen vor den Herbergen auf dem hinteren Bühnenteil schließlich doch noch im Stall zur Welt kommt, diskutieren die drei Gegenwartsfiguren auf dem vorderen Bühnenteil noch darüber, dass man Fremde willkommen heißen sollte und Arme nicht an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden sollten.
Und da versteht auch Suleila, worum es bei Weihnachten geht: Nächstenliebe. Cleverer dramaturgischer Kniff, denke ich. Da ist echt alles drin: Flüchtlinge, Armut, Nahostkonflikt und so. Wahnsinn. Ob es wohl mit Gender Mainstreaming zu tun hat, dass alle tragenden Rollen mit Mädchen besetzt sind? Ich frage meine Frau. Aber die zeigt mir nur den Vogel und sagt, dass in dem Chor ja fast nur Mädchen seien und dass es daran liege. Anyway, denke ich, ist trotzdem irgendwie total politisch. „Jetzt überinterpretier doch nicht immer alles gleich so“, sagt sie kopfschüttelnd. Hm, denke ich und nicke. Nicken ist nicht gerade schlagfertig. Muss ich zugeben. Aber man muss seine Grenzen kennen.
Ich fragte mich, was wohl gerade in dem Politiker Schmid vor sich geht und schielte unauffällig zu ihm hinüber. Er sah ein bisschen genervt aus. Aber das lag wohl eher an seiner Tochter.
Die hatte Probleme mit ihren Winterstiefeln. Irgendwas passte nicht. Darum konnte sie nicht richtig zuhören, sondern musste ihre Stiefel ausziehen.
Meine Söhne saßen vorne an der Bühne und ließen vor lauter Faszination das Kinn hängen. Ha, guck dir meine Kinder an, Finanzminister, dachte ich triumpfierend.
Nach dem Gottesdienst war ich natürlich gespannt, wie meine sechs und acht Jahre alten Söhne die sozial-kritische Botschaft des Stückes aufgenommen hatten. Darum habe ich sie gleich nachher gefragt, wie sie das Krippenspiel gefunden hätten. „Das war irgendwie eine Geschichte in der Geschichte“, meinte der Große nachdenklich. Genau, genau, dachte ich. Aber ich wollte es genauer wissen. Wie es ihnen denn gefallen habe, frage ich deshalb. „Gut“, haben sie monoton gesagt. Ja aber, was das Beste gewesen sei, will ich wissen. „Dass Eva und Max den Wirt vom Gasthof gespielt haben“, meinten beide. Und, dass in der Warteschlange der Judäer, die sich zur Volkszählung angestellt hatten, ein kleines Rumgschubse war. „Das war lustig“, fanden sie. Wie sie das mit dem Obdachlosen gefunden hätten, probierte ich es nochmal. Der habe schön gesungen, sagten sie.
Okay, sagte ich mir, sicher wird sich die beabsichtigte Wirkung des Stückes langfristig entfalten. In einer konkreten Situation. Und da denken sie dann: „Huch, das ist ja jetzt wie damals bei Maria und Josef und da muss ich jetzt aber ethisch richtig handeln!“ Jedenfalls hoffe ich das. Und wenn nicht, dann haben sie sich wenigstens mit Niveau unterhalten. Ist ja auch schon mal was.

Hier noch eine kleine Festtagsfreude:

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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