Die Geschichte zum Lied: Probleme

Ich finde ja, dass „Probleme“ eines der allerbesten Lieder von ACH ist.
Ursprünglich hieß es „Swaying High“. Das war im Sommer 1986. Ich war Siebtklässler in der Realschule Pfullendorf und auf Klassenfahrt in Bonn. Mein Freund Arkus und ich hatten uns zum ersten Mal als Band „Shadow“ zu erkennen gegeben und standen soziometrisch gesehen plötzlich ziemlich weit vorn. Wir hatten unsere Hits „Der Penner“, „Kohle“ und „Quäle mich nicht“ im Garten der Jugendherberge am Venusberg gesungen und die Mädchen hatten das toll gefunden.
Ich hatte gelesen, dass die Beatles viele Lieder im Bus geschrieben hatten. Und so beschloss ich, dass auch Arkus und ich ein Lied im Bus schreiben sollten. Und als wir unterwegs zum Regierungsviertel waren, gab uns ein Mädchen aus unserer Klasse einen gelben Briefbogen, auf den wir gemeinsam einen Text kritzelten. Wichtige Künstler bei der Arbeit, war die Botschaft an die Mädchen, schaut alle her! Ihr seid dabei, wie ein Stück Musikgeschichte entsteht!
Falco stand hoch im Kurs bei uns damals. Die Klassenfahrt und die Veröffntlichung seiner Single „Sound of Musik“ fielen zusammen. Arkus und ich kauften die Platte in einem Bonner Plattenladen.
Entsprechend war unser Song von Falco geprägt. Es gab einen Rap-Teil und einen Refrain. Der Rap-Teil war von Arkus und ging so:
„Die Reise geht ins Nichts,
Dreitausend Jahre unterwegs,
Hinein in die Strahlen des Lichts,
Sie waren besessen,
Sie wurden vergessen,
Die Reise beginnt,
Die Astronauten sind beschwingt.“
Und dann kam der Refrain. Den hatte ich mir ausgedacht.
„We’re swaying high into never ending blue;
Stars with white tales
It’s like a dream never seen before…“
Das Wort „Swaying“ hatte ich aus dem Falco-Lied „Tango the Night“ übernommen („…your bodies swaying in the pale moonlight …“), ohne genau zu wissen, was es bedeutete. Ich ging aber davon aus, dass es soviel wie „schweben“ hieß. Na ja.

Schon auf der Heimfahrt hatte ich eine Melodie im Kopf. Ich wollte Keyboardgeflitter wie bei „Sound of Musik“. Zu Hause, an meiner Neckermann-Heimorgel, entwickelte ich den Refrain. Beim Rap-Teil ging mir die Puste aus.
Als wir das Lied auf Cassette aufnahmen, sang und rappte ich. Arkus jagte die Neckermann-Orgel durch meinen Gitarrenverzerrer und simulierte so ein Schlagzeug. Wir fanden das Lied gut. Aber sonst interessierte sich niemand dafür. Und das war es gewesen für’s Erste.

Im Herbst 1999 versuchten wir, also ACH, im Asta-Büro in Weingarten mit unserem Produzenten Arkus, neue Lieder aufzunehmen. Das war nicht einfach, denn wir hatten seit einem Jahr nicht mehr zusammen geprobt. Die wenigen Aufnahmen, an denen wir uns versucht hatten, waren ziemlich lau gewesen. Die Lieder gut. Aber wir als Musiker halt nicht.
Laus und Ennis waren im Referendariat und hatten keinen Nerv für Proben und Lieder. Ich überbrückte die Zeit bis zum Referendariat als Freier Mitarbeiter der Lokalredaktion der Schwäbischen Zeitung. Kaninchenzüchter und Arbeiterwohlfahrt-Altennachmittag. Also viel Zeit zum Nachdenken. Und so dachte ich über die alten Shadow-Lieder nach.
„Swaing High“ war ein super Lied gewesen, fand ich. Aber nicht ausgereift. Vor allem der Rap-Teil. Nach einem langen Tag in der Lokalredaktion hatte ich die Idee, das Lied zu überarbeiten. Mir schwebte so eine Art Brit-Pop-Version des Songs vor.
Ich übersetzte den Refrain ins Deutsche und schmückte ihn neu aus:
„Wir schweben oben im endlos tiefen Blau,
die Sterne leuchten kalt,
die Erde ist weit fort.“
Den Rest des Textes schrieb ich neu. Ich versuchte die Astronautengeschichte zu erhalten und die 1986 gefühlte Fortschrittsunglaubigkeit in ironische Fortschrittsgläubigkeit umzubauen. Ich hatte im Fernsehen eine Dokumentation über im Weltall entwickelte Dinge gesehen. Probleme, die wir auf der Erde haben, die im Weltall von klugen Wissenschaftlern gelöst werden. Aber, was machen die klugen Wissenschaftler nach Feierabend, fragte ich mich. Zustätzliche Inspiriation waren „Space Oddity“ von David Bowie und „Der lustige Astronaut“ von den Ärzten, die ich damals oft auf einer Mix-Cassette im Auto anhörte. Wichtig war, dass nichts an dem Text amerikanisch konnotiert war. Deshalb „Kosomanauten“ statt „Astronauten“.
„Es gibt da so Probleme
die kann man hier nicht lösen.
Drum fliegen Kosmonauten,
hinauf zu den Gestirnen.
Im Auftrag der Forschung,
machen sie Experimente.
Lösen unsere Probleme,
machen unser Leben schöner.
Doch nach Dienstschluss wird es langweilig,
und dann funken sie zu Erde:
„Wir schweben oben im endlos tiefen blau,
die Sterne leuchten kalt,
die Erde ist weit fort.
Wir schweben oben im endlos tiefen All,
die Sternen leuchten kalt,
soll das die Zukunft sein?“
Das ist super, dachte ich begeistert, und übte das Lied fleißig.
Die Melodie des Refrains blieb unverändert. Der Rap fiel weg. Jetzt war Brit-Pop angesagt. Und so schrieb ich eine Brit-Pop-Strophe und eine Brit-Pop-Bridge, die in den Refrain überleitete. Es war so cool. Das musste einfach ein super Lied werden!

Als wir im Herbst versuchten, das Lied mit ACH aufzunehmen, scheiterten wir. Ich spielte Schlagzeug. Ich bin kein Schlagzeuger. Das Lied waberte langsam und öde vor sich hin und wir waren nicht in der Lage es vernünftig und im Takt zu spielen. Es war deprimierend. Danach war ich sicher: Das war’s mit ACH!

Mein Realschulfreund Örg hatte mich damals mit Musiksoftware bekannt gemacht. Er wohnte in Reutlingen. Ich zog wegen des Referedariats nach Reutlingen. Es war perfekt. Örg zeigte mir Achtziger Jahre Synthesizer, die man jetzt ganz einfach mit dem PC betreiben konnte. Und da hatte ich die Idee!
Ich bastelte in einer Wochenend-Nachtschicht mit Örg ein Schlagzeug und eine Synthie-Bass-Spur am Computer. Das war cool. Abgefahren! Wir speicherten sie auf Diskette.

Im Dezember trafen wir uns wieder im Asta-Büro. Laus war krank. Das war Shit. Aber Arkus und Ennis waren da.
Ich spielte die verzerrte Gitarre und sang, Ennis spielte Bass. Das Lied war jetzt doppelt so schnell wie das Original. Dann unterlegten wir es noch mit einem spacigen Keyboard. Zwar waren wir immer noch keine besseren Musiker, aber Arkus verfügte inzwischen über digitale Aufnahmetechnik, mit der er unsere Unfähigkeit als Musiker ausbügeln konnte. Und so bekam es den Neunziger-Achziger-Lo-Fi-Sound, der perfekt zu dem Lied passte. Nicht Euro-Rap und nicht Brit-Pop. Sondern: Retro-Lo-Fi. Stark!

Es war unser erstes geglücktes ACH-Lied nach dem Ende unserer Studienzeit und wies die Richtung, in der wir weiter machen konnten, ohne groß zu proben.
Außerdem vereinte es Shadow mit ACH, meine Studienfreunde und meinen gestorbenen Band-Freund Arkus. Und durch die Mitarbeit von Örg auch noch meine Pfullendorf- und meine Weingarten-Freunde. Orte und Zeiten kreuzen sich in diesem Lied. Das ist doch stark!

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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3 Antworten zu Die Geschichte zum Lied: Probleme

  1. thomasbookwood2014 schreibt:

    Korrekt, allerbestes Lied von Ach!

  2. lausitzigmann schreibt:

    … also gut ist es auf jeden fall … ob es eines der besten ist …

    zu den ausführungen des autors wäre anzumerken, dass sich das mit den vergleichen ungefähr so verhält als würde man zwei landwirtschaftliche zugmaschinen miteinander konkurrieren lassen: selbstverständlich ist der 230-ps-schlepper der baureihe axion 800 von claas ein leichtfüßig dahinrasender teufelsbraten (so wie die hier final vorgestellte albumversion von probleme), aber ist der langsam dahinwabbernde und schwerfällige großvolumige langhub-vierzylinder hanomag r25 aus der r-baureihe (siehe die ach version von probleme aus dem oktober 1999) deshalb ein schlechter? nein, im gegenteil … er ist um so liebenswürdiger, auch wenn er eigentlich nicht mehr zu gebrauchen ist.

  3. Ens Oeser schreibt:

    Bin erstaunt über deine erstaunlichen Kenntnisse bezüglich landwirtschaftlicher Nutzfahrzeuge. Mal so rein metaphernmäßig ist das echt ein Novum Aufnahmen von Liedern mit Traktoren zu vergleichen.
    Aber mal noch was ganz anderes, lieber Laus: Was ist denn dann das Beste? Dann stellen wir dessen Geschichte auch mal gleich ein hier. Mit allem drum und dran. Würde mich ja jetzt schon auch mal interessieren.

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