Wie bei Aldi, nur mit Gewerkschaft!

Der Klassenrat ist fast zu Ende. Das Weihnachtsfrühstück ist besprochen, alles ist diskutiert. Da meldet sich die Schülerin, die sonst nie etwas sagt: „Was schenken sie uns eigentlich zu Weihnachten?“
„Ich“, stottere ich, „euch?“ Was soll das denn jetzt?
„Wir kriegen alle einen Einser“, ruft die Schülerin, die immer zu allem etwas zu sagen hat, dazwischen und ruft damit ein zustimmendes Gemurmel hervor.
„Eine Eins, wofür denn?“, stolpere ich weiter.
„Ja halt wegen Weihnachten“, flötet die Schülerin.
„Das darf ich doch gar nicht“, sage ich. Blöde Antwort, denke ich, total unpädagogisch.
„Wie wäre es mit einer Woche länger Ferien?“, fragt der Klassenschlingel ungefragt.
„Na, das darf ich erst recht nicht“, antworte ich.
„Dann halt nur einen Tag“, ruft der Klassensprecher.
„Der ganzen Klasse“, stöhne ich überrumpelt, „das darf ich auch nicht.“
„Den Montagnachmittag ausfallen lassen“, fragt der, der direkt vor mir sitzt.
Ich schüttle nur den Kopf.
„Menno“, sagt er und lächelt mich an.
„Was dürfen sie eigentlich überhaupt?“, fragt mich die Schülerin, die zu allem etwas zu sagen hat.
Danach sitze ich paralysiert im Lehrerzimmer.
„Meine Klasse hat mich grad dekonstruiert“, sage ich zu dem zynischen Kollegen.
„Kenne ich“, nickt er.
„Die haben mir gerade vorgeführt, dass ich eigentlich gar nichts darf“, setze ich nach.
„Logisch“, sagt der Zyniker, „ist dir noch nie aufgefallen, dass wir nur Vorgesetzte haben, aber keine Untergebenen?“
„Die Schüler?“, frage ich schwach.
„Nä, nä“, grinst der Zyniker, „das ist der Kunde und der Kunde ist König!“
„Hä“, frage ich.
„Wie im Supermarkt“, lacht er, „da wären wir die an der Kasse, die mit dem Kundenkontakt, am unteren Ende der Hierarchieleiter, wie bei Aldi.“
Ich lache nicht.
„Aber du kannst dich trösten“, sagt der Zyniker, „wir haben wenigstens eine Gewerkschaft und einen Personalrat, fröhliche Weihnachten, Ens!“

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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