Epochaltypische Schlüsselprobleme

Ich stehe vor dem Lehrerzimmer. Die Türe ist zu. Man kann sie nur von innen öffnen. Von außen bräuchte man einen Schlüssel. Aber mein Schlüssel liegt an meinem Platz im Lehrerzimmer. Und im Lehrerzimmer ist keiner. Alle im Unterricht. Im Sekretariat kann ich nicht nach dem Ersatzschlüssel fragen. Der Schlüssel, der da an meinem Platz liegt, ist nämlich der Ersatzschlüssel. Meinen eigenen habe ich heute Morgen zu Hause liegen lassen.
Das war vielleicht ein Schock! Panik! Hab ich ihn verloren? Dann der Erinnerungsblitz, wie ich das Haus statt durch die Haustüre über die Terrasse verlassen habe und deshalb meinen routinierten Griff zum Schlüsselbrett nicht machen konnte. Einmal von der Routine abweichen, schon läuft alles aus dem Ruder. Und so stehe ich jetzt also vor dem Lehrerzimmer. Der Ersatzschlüssel drin, ich draußen.
Was tun? Der Kopierraum! Da ist immer jemand!
Aber im Kopierraum ist auch keiner. Mist! Aber gerade, als ich den Kopierraum wieder verlassen will, wird mein Blick von einem roten Schlüsselbändchen angesaugt. Tja, da hat wohl jemand seinen Schlüssel beim Kopieren liegen lassen. Ich nehme den Schlüssel in die Hand. Es ist der Schlüssel der Kollegin, die morgens immer zwei Minuten vor dem Klingeln in den Kopierraum gerannt kommt und fragt, ob man noch viel zu kopieren habe. Sie habe nur einen Klassensatz … und dann ist sie weg, aber ihr Schlüssel ist noch da. Jede Woche einmal. Und dann rennt sie in der Pause hektisch durch das Schulhaus und hat rote Flecken am Hals und Panik im Blick (sie ist nicht in der GEW und darum auch nicht Schlüsselversichert) und fragt jeden nach ihrem Schlüssel.
Ich schließe mit ihrem Schlüssel das Lehrerzimmer auf und nehme meinen, beziehungsweise den Ersatzschlüssel, erleichtert an mich. Dann gehe ich kopieren.
Da kommt schon die Kollegin angesaust: „Ist mein Schlüssel hier, hast du meinen Schlüssel gesehen?“ Ich setze mein James-Bond-Lächeln auf. Jedenfalls finde ich, dass es so aussieht. Aber eine andere Kollegin meinte mal, ich soll dieses Kermit-der-Frosch-Gegrinse lassen. Lässig ziehe ich ihren Schlüssel aus der Tasche und sage: „Meinst du den?“
„Gott sei Dank“, schnauft sie und schnappt ihn mir aus der Hand. „He, ich hab immer so Probleme mit dem Schlüssel, he!“, keucht sie. Und weg ist sie. Schlüsselprobleme? Epochaltypische Schlüsselprobleme, denke ich. Das kenne ich doch irgendwoher. Der langsame Kollege schlurft zur Türe herein. „Klafki“, rufe ich und schaue ihn an. Er guckt mich ausdruckslos an und legt seinen Schlüssel neben den Kopierer. „Ich heiße Müller“, sagt er, „das weißt du doch!“ Ich schüttle den Kopf. „Ja, nein, ich meine da“, rufe ich unbeirrt und zeige auf seine Schlüssel, „Epochaltypische Schlüsselprobleme! Klafki!“ Eine lange Sekunde schauen wir uns in die Augen. „Ja ja“, sagt er schließlich bedächtig und wendet sich dem Kopierer zu, „so ist das!“ Und ich nicke begeistert. „Ich fühle mich heute auch irgendwie komisch im Kopf“, sagt er, „muss das Wetter sein.“
Der wird auch immer seltsamer, denke ich, und gehe wieder ins Lehrerzimmer.

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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2 Antworten zu Epochaltypische Schlüsselprobleme

  1. fraulehrerin schreibt:

    Bin ich froh, dass ich jetzt in einem Lehrerzimmer bin, das man von außen einfach auch ohne Schlüssel aufmachen kann.
    Ich habe es mal im oben erwähnten Lehrerzimmer geschafft, dass sich der coole Bändel mit Schulschriftzug beim rausrennen um die innere Türklinke gewickelt hat. Beim Zuwerfen der Tür blieb der Schüssel hängen und ich stand ohne Schlüssel vor der Tür.

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