Die Geschichte zum Lied: „Was bleibt …“


Meine Studenten-Wohnung im Dachgeschoss der Stauferstraße 33 in Ravensburg hatte zwei Zimmer. Beide Zimmer hatten keine Heizung. Es gab ein Klo und ein Waschbecken. Ansonsten benutzte ich die Dusche meiner Vermieter einen Stock tiefer. Die Zimmer waren mit den alten Möbeln meiner Vermieter ausgestattet. Vorwiegend aus den Fünziger Jahren. In dem kleineren Zimmer stand mein Bett mit dreiteiliger Matratze und mein Computer. Internet hat es vielleicht bereits gegeben. Ich hatte keines. Das Dachfenster dieses Zimmers ging in Richtung Süden. Sehr oft sah ich direkt nach dem Aufstehen im Morgenrot die schneebedeckten Alpen.
Im großen Zimmer gab es eine Sitzgruppe mit Couchtisch, eine Art Esstisch mit geblümtem Gummi-Tischtuch, der mir als Allzwecktisch diente, und einen alten SABA-Farbfernseher. Der große Kleiderschrank war mit bayrischen Folkloremustern bemalt, das kleine knallrote Tischchen auf dem mein lilanes Signo-Telefon stand, hatte mein Vermieter aus einer alten amerikanischen Munitionskiste gebastelt. Das konnte man auf der Unterseite sehen. Mein Allzwecktisch stand unter einem großen Dachfenster. Saß ich an dem Tisch, sah ich über mir die Wolken ziehen. Stand ich an dem Dachfenster, dann sah ich unter mir ganz Ravensburg, rechts, auf meiner Höhe, den Mehlsack.
Ich liebte diese Wohnung. Auch wenn es im Sommer bock-heiß und im Winter arsch-kalt war.
Oft saß ich an meinem Allzwecktisch und hörte auf meiner Neckermann-Plastik-Paladiuman-Anlage Cassetten, die ich mir am Wochenende zu Hause aufgenommen hatte. Oasis, Blur, Fanta 4, Beatles Anthology, Stone Roses, Stereo Total,

Selig, Tocotronic, Whale, Republica, Garbage, Lenny Kravitz, Beck und was man in den Neunzigern eben noch so anhören musste.
Und ich hatte mir die geerbte Nylon-Saiten-Gitarre von meinem Opa mitgebracht, auf der ich eigentlich gar nicht richtig spielen konnte, weil das Griffbrett für meine Finger viel zu breit war. Ich spielte immer abends, beim Fernsehen.
Dann ging mir das, was ich gespielt hatte nachts im Kopf herum.
Musste ich zum ersten Block an die Pädagogische Hochschule, dann stand ich um sechs auf. Dann saß ich eine halbe Stunde an meinem Allzwecktisch, machte Milch warm, trank Kaba und machte mich dann bereit zum Abmarsch. Ich hörte nie Radio. Seit es Boybands und Techno gab, war Radio am Morgen zu stressig geworden.
Zur Pädagogischen Hochschule fuhr ich auf meinem schwarzen Vespa Roller. Die Fahrt nach Weingarten dauerte etwa zehn Minuten. Und das waren stets zehn Minuten der Meditation und Kontemplation. Den am Abend vorher kombinierten Akkorden fügte sich zaghaft ein Text hinzu.
Bevor ich „Was bleibt …“ auf der Gitarre gespielt hatte, oder einen Text aufgeschrieben hatte, war es komplett fertig in meinem Kopf.
Ich wollte eine schöne Melodie. Der Text sollte aber auch meinen neusten Erkenntnissen Ausdruck verleihen: Es gibt keinen Gott, es gibt keinen Sinn des Lebens. Insgesamt ist alles egal. So ungefähr dachte ich. Früher hatte ich gehofft von meiner nichtsahnenden Unsicherheit als Erwachsener erlöst zu werden. Ich hatte erwartet, dass man mit dem Eintritt ins Erwachsenenalter automatisch auf Schienen gesetzt würde, die einen zum Guten und Richtigen führten. Aber so war es nicht. Die Welt der Erwachsenen: Eine einzige Enttäuschung. Sie war genau so bescheuert wie die Welt der Kinder und Jugendlichen. Also was bleibt? Wofür lohnt es sich zu leben? Das war die Frage. Die Antwort war: Du. Aber nicht so Peter-Maffay-mäßig, sondern, na ja, ich weiß auch nicht wie. Anders. Auf keinen Fall Peter Maffay jedenfalls.
Ich kombinierte im Text zwei Erlebnisse. Eines mit Atrin, eine sehr nette Mit-Studentin. Und eines mit Eike. Einem seltsamen Mädchen aus meinem Heimatort, das mir dort öfter in meiner Stammtkneipe, dem Deutschen Haus, begegnete.
Atrin hatte mich in meiner schönen Wohnung besucht. Wir hatten Miraculi gekocht und geredet. Danach waren wir in der Nacht mit einer Faber-Sekt-Flasche umhergezogen, in einem Hochhaus Aufzug gefahren, hatten einen Igel gerettet und allerlei Romantisches mehr.
Eike dagegen hatte mir unter dem Zigarettenautomaten im Deutschen Haus gestanden, sie hasse sich selber und sie habe Todessehnsucht. Naja. Später hat sie für die Bildzeitung gearbeitet. Das weiß man auch nicht, was man mit solchen Aussagen anfangen soll.
In jedem Fall zwei sehr typische Ereignisse für diese Zeit. Erinnerungen die bleiben. Und das ist es, was bleibt. Weil es so gut gepasst hat.
Und in diesem Lied ist das alles drin.
Ein Lied, von dem es kein Demo gibt. Von Anfang an war es maßgeschneidert für die Band.

Toll dann auch die Mundharmonika, eine Reminiszenz an die frühen Beatles und an „Sie wollen uns erzählen“ von Tocotronic.
Am Anfang der CD „Achstrasse“ hört man, wie Ennis das Lied bei unserem Jugendhauskonzert anmoderiert. Unglaublich fantastisch. „Bei unserem Konzert wird nicht gelacht!“

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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