Erlebnispädagogik: Boot-Camp im Hippiegewand?

Ich war bei der Bundeswehr. Aber die Bundeswehr und ich haben nicht zusammengepasst. Das lag vor allem an Feldwebel Klein. „Klein“ hört sich harmlos an. War es aber nicht.

Einmal mussten wir klettern. Mit Seilen in den Bäumen. Wir sollten zuerst mit einem Seil in einen Baum hinauf steigen, dann sollten wir uns über das „Minenfeld“ schwingen. Oliv-grüner Tarzan praktisch. Ich habe mich gefürchtet. Es war hoch. Aber Feldwebel Klein hatte vor der Übung zu uns gesagt, die Grundausbildung sei eine Möglichkeit die eigene körperliche Leistungsfähigkeit kennen zu lernen, immer wieder persönliche Grenzen zu überschreiten und dabei auch weiter zu kommen. „Männer, jetzt findet ihr heraus, wer ihr wirklich seid und wozu ihr fähig seid!“
Ich fand heraus, dass ich mich am liebsten am Baumstamm festhalten wollte. Es sah von oben viel höher aus als vorher von unten. „Sind sie auch so ein Baum-Umarmer, Oeser, so ein Naturschützertyp, oder was“, rief mir Feldwebel Klein erheitert zu. Und da hatten auch alle anderen Unteroffinziere mächtig was zu lachen. Also ließ ich meinen Freund, den Baum, los und schwang mich über das Minenfeld. Man wollte ja nicht als Memme dastehen.
Ist lange her. Aber neulich war ich mit Schülern bei den Erlebnispädagogen im Klettergarten. Der Sozialpädagoge sagte zu den Schülern, dass der Klettergarten eine Möglichkeit sei, die eigene körperliche Leistungsfähigkeit kennen zu lernen, persönliche Grenzen zu überschreiten und dabei auch weiter zu kommen. „Hier könnt ihr herausfinden, wozu ihr wirklich fähig seid“, sagte der nette outdoorgekleidete Sozialpädagoge mit der Nickelbrille zu meinen Schülern.
Einer meiner Schüler hielt sich verzweifelt am Baumstamm fest. Er war starr vor angst. Ich wollte ihm gerade zurufen, ob er auch so ein Naturschützertyp sei, so ein Baumumarmer. Der billigste naheliegende Witz eben. Da fiel mir auf, dass ich das irgendwie schon mal erlebt hatte. Nur umgekehrt. Darüber hätte ich gerne mal in Ruhe nachgedacht.
Dazu hatte ich dann auch Zeit. Die Schüler durften nämlich nach dem Kletterpark – genau wie ich in der Grundausbildung der Bundeswehr – einen Hindernisparkour überwinden, sich mit einem Kompass im Gelände orientieren, und sogar ein „Minen-Feld-Spiel“ machen. Das alles mit dem ausgewiesenen Ziel, die sozialen Kompetenzen und den zusammenhalt der Gruppe zu verbessern. Ich fand es lustig, diese zauseligen Ex-Zivis, die alle aus der linksalternativen Szene stammten, bei den gleichen Kommandos zu beobachten, die ich einst von Feldwebel Klein bekommen hatte.
Wir haben auch geschossen bei der Bundeswehr. Mit dem G3, der P1 und dem MG irgendwas. „Männer“, hatte Feldwebel Klein vor dem Schießen zu uns gesagt, „das Schießen ist eine reine Frage der Konzentration. Wer sich konzentrieren kann, der triff auch.“ Schießen, ließ der Feldwebel uns wissen, sei eine Art Meditation. „Männer“, rief er, „wenn ihr Probleme habt: Hier könnt ihr sie vergessen und euch einfach nur auf eine Sache konzentrieren, hier lernt ihr echte, hochkonzentrierte Disziplin.“ Ich lag auf dem Boden, das G3 im Anschlag. Und ich sollte auf das Ziel zielen. Aber ich konnte es nicht erkennen. Es war zu weit weg. Nach dem Befehl „Feuer“, schoss ich. Das Gewehr schlug mir vom Rückstoß ein blaues Auge. Der Obergefreite, der mich beaufsichtigte, lachte laut. Danach fand ich das Schießen scheiße.
Jedenfalls ist mir dieses unvergessliche Erlebnis wieder eingefallen, als ich schwierige Schüler, oder wie immer man die jetzt politisch korrekt nennt, mit der Sozialpädagogin zum Bogenschießen geschickt habe. Die Sozialpädagogin, die geschieden war und sich gerne mit afrikanischem Schmuck behängte, hatte mir nämlich versichert, dass man beim Bogenschießen lerne, sich zu konzentrieren. „Du“, hatte sie gehaucht, „das ist fast wie eine Meditation.“
Ich hätte nie erwartet ausgerechnet in dieser Frau dem Feldwebel Klein wieder zu begegnen. Aber da war er wieder.

Ist die Erlebnispädagogik die Rückkehr des Militarismus im sozialpädagogischen Hippiegewand? Oder pickt sich die Erlebnispädagogik einfach nur das Positive des Militarismus heraus und macht daraus so ein Hippie-Ding? Ein links-liberales Boot-Camp? Einerseits und andrerseits. Und wer weiß, was der Feldwebel Klein heute so treibt. Vielleicht bietet er ja jetzt Erlebnispädagogik zur Stärkung der sozialen Kompetenzen von Jugendlichen an?

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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Eine Antwort zu Erlebnispädagogik: Boot-Camp im Hippiegewand?

  1. thomasbookwood2014 schreibt:

    Und wo findet sich hier die Hippie-Version vom bloeden Gewaesch vom Stufz wenn alle bloede in die Suppenschuessel beim Manoever starren: „Maenner es soll nicht schmecken, es soll satt machen!“? Irgendein Palaver zu regionalem pesitizidfreien Gruenzeugs?

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