Offener Brief an die Natur

Liebe Natur,

ich sage es ganz offen: Ich mag dich nicht. Es ist egal, ob du als über Kniehöhe reichendes wildes Tier auftrittst, als Vulkanausbruch oder als Zecke. Es muss etwas mit deiner Unberechenbarkeit zu tun haben.
Ja, leider muss ich dir sagen, dass du mich immer an diese Typen erinnerst, die mich als Kind gedemütigt  und drangsaliert haben. Die hatten so Spitznamen wie „der Piraha“ oder „der Spinnst-Du“. Diese Idioten, die einen auf dem Heimweg von der Schule rumschubsen und als Schwuchtel beschimpfen. Manchmal laufen sie einfach vorbei, manchmal fallen sie über einen her. Wie eine Katze, die zuerst mit der Maus eine Weile lang spielt und sie erst dann auffrisst, wenn es langweilig wird.
Und so geht es in der Natur doch dauernd zu. Entweder die Tiere paaren sich, oder sie fressen sich. Dazwischen passiert nicht viel. Das ist doch abstoßend dumm, oder? Also nichts gegen Essen oder Sex. Aber es muss mehr im Leben geben. Finde ich. Bier trinken zum Beispiel.
Du musst das verstehen, liebe Natur. Du bist all das, was sich mit meinen öko-liberalen Idealen absolut nicht vereinbaren lässt. Du bist darwinistisch. Der Starke frisst den Schwachen. Männchen und Weibchen sind nicht gleichberechtigt. Vom Kindeswohl ganz zu schweigen. Und der Veggie-Day ist mit dir auch nicht machbar.
Und das soll ich gut finden? Niemals! Die ganze Natur ist ein einziges Lumpenproletariat. Unethisch bis zum Geht-Nicht-Mehr, oder?
Und, liebe Natur, du bist noch unberechenbarer und dümmer als der „Spinnst-Du“ oder der „Piranha“ zusammen. Und das macht dich gefährlich. Das mag ich nicht. Mochte ich noch nie.
Ich mag die Zivilisation. Tiere im Käfig oder an der Leine. Oder einfach unter Kniehöhe. Gegen Insekten, die einem zu sehr auf die Pelle rücken gibt es zum Glück Massenvernichtungsmittel. Toll.
Natur hängt man an die Wand oder guckt sie im Fernsehen an. Natur gibt es auf van Gogh und Caspar David Friedrich Gemälden. Und in Heinz-Sielmann- und Grzimek-Fernseh-Dokumentationen.
Und liebe Natur, du bist total unhygienisch. Das muss ich dir leider sagen. Du bist dreckig wie die Sau und manchmal stinkst du auch so. Tut mir leid. Ist so.
Warum gehen Menschen wandern? Ich verstehe das nicht. Das Schönste daran ist doch, wenn man nachher wieder in die Stadt kommt. Dann kann man doch auch gleich da bleiben. Ohne die unnötige Schleife durch die Natur.
Schon klar. Man kann über die Zivilisation auch einiges sagen. Auch Negatives. Ich gebe es zu. Es stimmt alles. Krieg, Umweltverschmutzung, Verbrechen aller Art.
Darum bin Umweltschützer, nicht Naturschützer. Das ist ein Unterschied, den man sich klar machen muss. Die Umwelt, das ist die uns umgebende Welt. Die halte ich für schützenswert. Cafes, Bücherläden, das Klima und so. Aber die Natur, wo es sie noch gibt, da muss man aufpassen, dass die nicht wieder die Oberhand gewinnt. Sonst, wie meine Mutter immer sagte, gut Nacht um Sechse!

Also liebe Natur. Mach’s gut, aber wir werden wohl getrennte Wege gehen müssen!

Dein

Ens

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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