In Putzgewittern

Ich lag in der Ruhestellung. Eine wohlverdiente Ruhe, wie ich meinen will. Denn das Leben kommt einen oft hart an, wenn man einen Haushalt führt. Der Alarm riss mich mitten aus dem Genusse meines neuesten Hörbuches. Erst am gestrigen Tage noch hatten wir starke Geländegewinne erziehlt. Meine Frau hatte in weniger als einer Stunde Bad, Klo und Küchenboden gewischt. In Anbetracht dieses Willenstrumphes hatten wir uns in Sicherheit gewähnt. Nun aber zeigte sich die Wahrhaftigkeit der alten Spruchweisheit, dass nur eines sicher sei, nämlich, dass nichts sicher sei.

„Ens, kannst du mal kommen, ich glaube die Waschmaschine läuft aus!“, alarmierte mich mein Frau mit einem gellenden Schrei.
Mit der für Väter und Hausmänner so typischen routinierten Geschmeidigkeit schnellte ich aus der Ruhestellung empor. Mit wenigen mannhaften Sprüngen gelangte ich an die Seite meiner Frau. Mit schnellem Blick erfasste ich die Situation. „Glotz nicht so, davon wird’s auch nicht besser“, sagte meine Frau ruhig und fügte hinzu: „So eine Scheiße, Mensch!“. Ja, das muss man sagen, oft fallen rauhe Worte an der Haushaltsfront. Da kam auch schon mein ältester Sohn. Auch er stellte sich der Gefahr. „Warum hat Mama Scheiße gesagt?“, sprach er. „Es gibt ein Problem mit der Waschmaschine“, klärte ich ihn schonungslos auf, „wirst du mir helfen?“ „Ach so“, versetzte er mit fester Stimme und verschwand wieder. „Kümmerst du dich bitte, ich sollte noch Wäsche zusammenlegen“, ermutigte mich meine Frau. Und so stellte ich mich der Gefahr allein. Es gibt Situationen, die des Heldenmutes bedürfen. Und in der Tat bot sich mir in der Waschküche ein Bild, das einem den Atem stocken ließ.
Eine zählflüssige, nach teuflischem Aloe Vera stinkende Masse rückte mit großer Geschwindigkeit auf mich vor. So war mein Gefechtsauftrag klar: Den Feind zurück schlagen, keinen Fußbreit Boden preis geben.
Ausgerüstet mit ein paar einfachen Putzlappen rückte ich vor und und stoppte den Vormarsch des Feindes durch das Errichten kleiner Lappen-Dämme. Dies gestatte es mir, die vorderste Front für einige Augenblicke zu verlassen. Mit Wischbesen und Putzeimer kam ich nun über den Feind und schlug ihn rücksichtslos bis zur Waschmaschine zurück. Nun galt es dem Feinde nachzusetzen und zum vernichtenden Gegenstoße anzusetzen. Doch noch war ich mir unklar über die Kampfkraft des Feindes. Ich kroch in der niedrigsten Gangart hinter die Waschmaschine. Hier bot sich meinem Auge ein Bild des Grauens. Und dieses Auge hat schon vieles gesehen, das darf ich wohl sagen: Kinderkotze, Kinderkacke, Geburten … Eine Flüssig-Waschmitteltüte war hinter den Turm aus Trockner und Waschmaschine gerutscht, aufgerissen und ausgeflossen. Staubflusen, tote Insekten und Spinnweben hatten sich zu einer eklen, schmierigen Masse vermengt. Doch wie so vieles, hatte auch dieser Anblick zwei Seiten. Er schreckte mich nicht nur, nein, er stimmte mich auch fröhlich. Und so stieg trotz den Ekels ein Lächeln in mir auf, war ich doch erleichtert, dass es sich nicht um einen Defekt der Waschmaschine handelte. Denn das hätte bedeutet, dass ich Entsatz von den Mechanikern der Firma Hecht hätte anfordern müssen. Hier aber, das sah ich wohl, würde ich Herr der Lage bleiben.
Ich erstattete der Befehls-Leitstelle, meiner Frau, Bericht und erbat weitere Befehle. „Feind vernichten!“, sprach sie militärisch knapp und schaute mir dabei in die Augen.
Ich kehrte mit jenem eigentümlichen Gefühle zwischen Hoffen und Bangen zurück zum Schlachtfelde. Hier nun setzte ich zum vernichtenden Schlage an. Ich entfernte die die Waschmittel-Tüte, nahm eine  Lappen und begann erbarmungslos zu Wischen. Und trotz mehrerer Ausrutscher im dem widerlichen Glitsch, gelang es mir den Feinde gänzlich zu vernichten.
Ich meldete meinen Sieg und ging zurück in die Ruhestellung. Dort stopfte ich mir ein Pfeifchen und hörte bei einigen Flaschen Rotem weiter in meinem Hörbuche.
Seit ich bei der Hausarbeit immer „In Stahlgewittern“ als Hörbuch anhöre, hat sich meine Wahrnehmung irgendwie ins Heldische verschoben. Ich weiß auch nicht.

Ernst Jünger: In Stahlgewittern. Ungekürzte Lesung mit Tom Schilling. Erschienen bei „Der Hörverlag“, Mai 2014.

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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4 Antworten zu In Putzgewittern

  1. fraulehrerin schreibt:

    Lustig! Da will ich mehr davon lesen!

  2. Ens Oeser schreibt:

    Schule ist immer bedenklich, Da hast du wohl recht.

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