Die Geschichte zum Lied: Rette den Akkusativ! (29.01.1997)


An einem lauen Winter-Nachmittag in der Cafete hatte ich beschlossen, dass wir jetzt ein Lied für ACH schreiben würden. Es war Mittwoch. Da musste etwas besonders passieren, um die Woche voran zu bringen. Ein Liebeslied beispielsweise. Das fand ich irgendwie gut. Wir hatten kein so richtiges Liebeslied. Aber bei den Cafetengedichten war gerade die Luft raus. Die anderen redeten lieber über Nietzsche, Godzilla und das Tagespraktikum. Der einzige, der mich beachtete war Ochen. „Braucht ihr einen Text, oder was?“, fragte er geschäftsmäßig über seine Brille hinweg. Ich nickte. „Kein Problem“, sagte er, „mach ich dir, schreib mal mit!“ Und dann diktierte er mir die folgenden Zeilen: „Als ich dich in der Cafete sah, fühlte ich mich dem Siebten Himmel nah. Du sagtest: „He, du kleiner Bengel!“ Ja, du bist ein Engel! Und jetzt gehst du Hand in Hand mit mir, und ich sagte: …“ Da stockte er. „Was reimt sich auf „mir“?, fragte er. Ich konnte nicht so richtig antworten. Ich fand den Text total bescheuert. Daran, dachte ich, sollte man gar nicht erst weiter machen. Erstens: Lokaler Bezug „Cafete“. Geht nicht. Zweitens: Der Schlagerbegriff „Siebter Himmel“, Gott-o-Gott! Und dann „Bengel“, „Engel“ und „Hand in Hand“. Das war unbegabter Festredner-Mist. Unvertretbar. „Findest du es scheiße, oder was“, fragte Ochen gelassen und zog das Blatt zu sich heran. „Nein“, sagte ich schnell, „voll cool, was du so schnell daher zauberst, unglaublich.“ Even kam dazu, beugte sich beflissen über das Blatt, las und sagte dabei dauernd, aha, aha, soso. Dann zeigte er mit langem Finger auf die letzte Zeile und sagte: „Ich liebe dir!“ Genau dachte ich. Nahm das Blatt wieder und schrieb es hin. „Ich liebe dir!“ Und dann war mir völlig klar wie das Lied weiter gehen musste: „Du sagtest: „Rette den Akkusativ!“ Das traf mich tief!“ Es gab noch eine kurze Diskussion, ob es hier wirklich um den Akkusativ gehe. Wen oder was? Akkusativ! Ich liebe wen? Dich! Tatsächlich: Es ging um einen Akkusativ-Fehler. Ich meine, wir waren Lehramtsstudenten. Ich fand es immer noch quatschig, aber so war es immerhin ein semi-gelungenes Cafetengedicht. „Gib nochmal mal her“, meinte Ochen und zog das Blatt wieder zu sich hin, „ich mach mal weiter!“ Und so schrieb er weiter. Dann kam aber Eate, mit der er dringend reden musste. Wegen irgendwas. Das war bei den beiden immer so. Darum schrieb ich den Rest. Ich packte den Scheiß, wie ich in diesem Moment fand, ein und beschloss ihn in das Cafetengedichteheft zu kleben und gut. Dann gingen wir in unsere Seminare oder Vorlesungen oder wo man als Student halt so hingeht. Danach trafen wir uns zur Probe mit ACH im Keller der Katholischen Hochschulgemeinde (KHG) in der Bar. „Und jetzt, wo ist der Text, den ihr vorher geschrieben habt“, rief Laus als ich herein kam, „wo ist unser Liebeslied?“ Scheiße, dachte ich, er hat es mitgekriegt. Irgendwie hatte ich gehofft, dass ich das Ding klammheimlich verschwinden lassen könnte. „Ist scheiße geworden“, sagte ich widerwillig. Aber er bestand darauf, es mal anzugucken. „Da stimmt das Vermaß überhaupt nicht, da kann man gar keine Melodie dazu machen, ist doch scheiße“, schimpfte ich und reichte ihm das Blatt. Er las es und lachte. Dann spielte er G-Dur, Em, C-Dur und D-Dur auf seiner Gitarre und meinte: „Sing das doch mal dazu.“ Ich machte es. Ich mache ja immer alles, was man mir sagt. Und da war es. Unser Lied: „Rette den Akkusativ!“

Es ist ein Lied, das viele Menschen bei unseren Auftritten total lustig fanden. Auch die Melodie fanden sie schmissig. Da fand ich das Lied dann auch gut.

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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