Der Fan: Ein Katholik mit anderen Göttern

Ich bin kein Fan. Jetzt bin ich aber katholisch. Und als Katholik ist man ja überall auf der Welt zu Hause. Die Messe läuft überall genau gleich ab. Stehen, sitzen, knien und so. Und wenn man Glück hat, dann ist alles noch lateinisch. Man versteht dann zwar nichts, aber man weiß doch, dass alles seine Ordnung hat. Als Katholik mag man das.
Das hab ich alles bei Pfarrer Hettler im Kommunionunterricht gelernt. Aber noch mehr über meinen Glauben habe ich in den Achtziger Jahren bei der damals schon achtzigjährigen Frau Settele gelernt. Unsere Nachbarin. Bei der klopften gerne mal nachts in der Nachttisch-Schublade die armen Seelen aus dem Fegefeuer und erbaten eine Spende zu ihrem Heil im örtlichen Opferstock. Was dann auch prompt von ihr erledigt wurde. Bei ihr lernte ich Pater Pio und jede Menge andere Heilige kennen. Mutter Theresa. Und als ich von einem unsäglich langweiligen Sonntagsausflug im Allgäu zurück kam und ihr erzählte, ich hätte ein Skelett in einer Kirche gesehen, da erklärte sie mir, dass das eine Reliquie gewesen sei. Das, was ein Heiliger zurück gelassen habe. Das Wertvollste, was ein Heiliger zurücklassen könne, sei sein Körper, oder wenigstens Teile davon. Knochen, Haare, Fingernägel oder, sie machte eine Pause, stützte sich auf ihren Stock, beugte sich nach vorn zu mir und riss die ohnehin durch ihre Panzerglasbrille riesigen Augen noch weiter auf, und sagte mit düsterer Stimme: Blut, dass er zur Ehre des Herrn vergossen hat. Heilge stünden in besonderer Verbindung mit Gott, sagte sie, und wenn man zu ihnen bete, dann habe man im Himmel einen Fürsprecher. Dass das funktionierte, hatte ich schon öfter gemerkt. Wenn ich etwas verloren hatte, dann betete ich gemeinsam mit ihr zum Heiligen Antionius: „Heiliger Antonius, bitt für uns!“ Und zack, war das verlorene Siku-Auto wieder da. Das, sagte Frau Settle, sei ein Wunder, das die Fürbitte des Heiligen bewirkt habe. Toll seien auch Reliquien, die der Heilige nur berührt habe. Etwa das Schwert, mit dem man ihn geköpft hätte, oder der Topf, in dem er gekocht worden sei. Und dann zeigte sie mir auch noch ihre eigene Reliquie: Ein Heiligenbild mit einem quadratischen Stoffstückchen darauf. Das, so erklärte sie mir, sei ein Stück Stoff, das Pater Pio persönlich berührt habe. Ich traute mich gar nicht gerade hin zu gucken. Das hatte der tolle Pater Pio persönlich berührt? Wahnsinn.
Jetzt wusste ich auch, warum die Leute in der Kirche mit den Knochen und dem ganzen Kram so ehrfürchtig von einem Kasten zum nächsten gezogen waren. Und ich verstand auch die grässlichen Bilder, auf denen irgendwelche entrückt guckenden Leute gekocht wurden, oder enthauptet oder mit Pfeilen gespickt. Heilge. Für ihren Glauben gestorben.
Vielleicht ist ja auch Kurt Cobain für seinen Glauben gestorben. Seinen Glauben an die Kraft des Rock’n Roll. Vielleicht hatte er aber auch einfach nur einen Knall und dann hat es halt geknallt. Anyway.

Ich war ja jetzt in Seattle. Und bei Seattle denkt man ja gleich Nirvana. Nirvana ist die Band, die Guns’n Roses weggewischt hat. Praktisch das Zewa der Rockgeschichte. Dafür werde ich dieser Band ewig dankbar sein. Darum habe ich beschlossen: Wenn ich in Seattle bin, dann gehe ich ins Nirvana Museum. Und das habe ich auch brav gemacht. Das Museum heißt „Experience Music Project“ (EMP). Es gibt dort mehrere Attraktionen, aber die Hauptausstellung ist die Nirvana-Ausstellung. Hier wird die Geschichte des Heiligen Kurt erzählt. Wie er und seine Band den Punk via MTV zu den nach der anachronistischen Guns’n Roses-Kacke nach etwas neuem dürstenden Massen brachte. Also von Nirvana praktisch erlöst wurden. Und wie der Heilige Kurt schließlich den Opfertod starb, um für uns immer jung zu bleiben. Ein Rock’n Roll Gott. Ich meine, guckt euch Axel Rose an. Ist doch scheiße. Dann lieber tot.


Jedenfalls habe ich mich total katholisch gefühlt in diesem Museum. Es war wie ein Sonntagnachmittag auf Wallfahrt im Allgäu. Überlebensgroße Bilder von Kurt, geschmückt mit frommen Nirvana-Sprüchen („Sie waren zur richtigen Zeit am richtigen Ort.“) Sogar eine umfassende Videodokumentation, durch die man an einer quietschbunten Konsole selbst navigieren kann, gibt es. BASF-Demo-Cassetten, T-Shirts, ganze und kaputt geschlagende Gitarren, handgeschriebene Texte, selber gemalte Konzertplakate, Fotoabzüge. So eine Ausstellung könnte ich auch machen. Den ganzen Kram hab ich auch zu Hause. Aber das wäre ja, wie wenn in der Kirche die Knochen meiner geizigen Tante Erna ausgestellt würden, statt die vom Heiligen Antonius. Dieser angeranzte Krimskrams wird heilig, weil der Heilige Kurt ihn berührt hat. Das sind Reliquien. Der Fan, das ist mir an diesem Nachmittag im EMP klar geworden, ist auch bloß ein Katholik mit anderen Göttern.

Die Fans sind wie Frau Settele. Und das ist ja andererseits auch sympathisch. Und seine Heiligenbildchen kauft der Fan im Museumsshop. Eben: Als Katholik bist du überall auf der Welt zu Hause. Auch im EMP.
Und dann stand ich draußen. Und da ist mir aufgefallen, dass die Wörter „Settele“ und „Seattle“ ganz eng beieinander liegen. Kann das Zufall sein?

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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5 Antworten zu Der Fan: Ein Katholik mit anderen Göttern

  1. thomasbookwood2014 schreibt:

    Aber mal Vorsicht zu Aesserungen ueber Guns ’n Roses, Buerschle. Zum Axel gibt’s nix zu sagen, da hast du schon recht (ausser vielleicht: Axel Rose hat nix in der Hose) aber Nirvana chronologisch als Nachfolger (und Ausputzer) von Guns ’n Roses einzuordnen darf einem Musiklehrer nicht passieren. Use your Illusion II war 1993 und 1994 war der Kurt bereits ueberm Jordan. Nachfolge, chronologisch gesehen, sieht anders aus, gelle. Mal ganz zu schweigen von der inhaltlichen Nachfolge. Soviel dazu, und nu Schluss, weil ich genau weiss, dass du nur ein Kommentar von mir provozieren wolltest und es dummerweise geklappt hat.

    • Ens Oeser schreibt:

      Ok. Ein großes Ding wurden Guns’n Roses mit „Appetite for Destruction“. „Paradise City“, „Sweet Child o‘ mine“, „Welcome to the jungle“. Das war 1987. Da haben sie dem ganzen Heavy Ding tatsächlich eine etwas anarchistischere Note verliehen. Dann kam 1988 „Lies“. Gab es da einen Hit? Eben! Jetzt kommt 1991 Nirvana mit „Nevermind“ und gleichzeitig „Use your illusion“. Das war natürlich erst mal viel erfolgreicher als „Nevermind“ – weil Nirvana kannte ja keine Sau. Aber „Nevermind“ war ein Longseller, im Gegensatz zu dem aufgeblasenen Ding von G’nR. Und danach waren die Typen doch erledigt. Und der Kurti, der hat uns erst im Frühling 1994 verlassen. Gerade als ich überlegt hab, was ich eigentlich studieren könnte.
      Was die G’nR nach den „Illusions“ noch geliefert haben, darüber brauchen wir, glaube ich, nicht zu reden, oder? Eben.
      Zusammengefasst: G’nR total Achtziger, Nirvana total 90er.
      Dein Musiklehrer

  2. annri2014 schreibt:

    Da ich Frau Settele perönlich gekannt habe, freue ich mich immer von ihr zu lesen und so sehr viel aus deiner Kindheit zu erfahren, was wohl an mir vorbei gegangen ist. Wusste nämlich garnicht, dass du so ein enges „Verhältnis“ mit unserer Nachbarin hattest und so tiefgreifende Gespräche über den Glauben mit ihr geführt hast. Ich kann mich halt immer noch an den Gag mit der Lederhose erinnern!!

    • Ens Oeser schreibt:

      Ja, die Lederhose. Das ist mir peinlich. Aber ansonsten, Frau Settele. Das war toll. Nicht nur, dass man bei ihr allerhand über den Glauben gelernt hat, nein, da war es auch sonst interessant. Im Keller stand der Grabstein ihres 1943 auf der Krim gefallenen Bruders. Sie hatte eine alte Nähmaschine, wo man mit den Füßen so pumpen musste. Sie hatte tausenderlei Zeug, das für kleine Kinder hochinteressant war. Ich war sehr gerne bei ihr. Ich habe sie bei ihren Gängen zum Friedhof begleitet, oder wenn sie frisches Weihwasser geholt hat. Wunderbar. An Frau Settele erinnere ich mich gerne.

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