Spät-68er-Entertainment-Pädagogik

Kind: Kommt, wir gehen einfach gleich rein. – Na, du da im Radio.
Rolf: Hey, was ist denn hier los? –
Kind: Ich hab‘ meine Freunde mitgebracht.
Rolf: Tja, und was wollt ihr hier? –
Kinder: Wir woll’n uns beschweren!
Rolf: Wieso, was hab‘ ich denn falsch gemacht?
Kind: Ihr spielt doch immer das Lied von dem, der singt, was er alles mag.
Rolf: Na und? –
Kind: Jetzt wollen wir auch mal singen was Kinder mögen.
Rolf: Prima, dann mal los!

Unverkannbar, dieses verzogen-wehleidige „Wir woll’n uns beschweren!“, oder? Das sind „Rolf Zuckowski und seine Freunde“ mit ihrer Version von Volker Lechtenbrinks “ Ich mag …“. Schon das Original von 1981 unerträglich. Aber diese kindertümelige Coverversion von 1982? Statt den Rotzgöhren ordentlich den Marsch zu blasen und sie rauszuschmeißen, sagt der einfach, „… dann mal los!“ Der Rolf, der alte Kinderversteher. Hat mich schon 1982 befremdet. Da war ich neun Jahre alt. Mir wurde immer schlecht, wenn das im Radio lief. Erst 1988 gab es dann von den Goldenen Zitronen eine akzeptable Version dieses Liedes. Aber das lag mehr an den Goldenen Zitronen als an dem Lied.
In den auslaufenden Siebzigern war Rolf Zuckowski der Prototyp des kumpeligen, jugendlichen Kinderverstehers. (Die Blaupause für das später nach diesem Vorbild erfundene Berufsbild des Schulsozialarbeiters.)
Aber immerhin erklärt das Lied hervorragend die pädagogischen Grundgedanken der Post-68er-Entertainment-Pädagogik. Eine Masche der Unterhaltungsindustrie, aus der Kindervergötzungspädagogik der Spät-68er Kapital zu schlagen.
Das Grundschema ist zusammengefasst: Die Erwachsenen machen immer dies oder das, und jetzt wollen wir Kinder auch mal, weil wir finden es ganz ungerecht, dass immer nur die Erwachsenen … blablabla … Und dann taucht der Protoschulsozialarbeiter (z.B. Zuckowski) auf und versteht die Kinder voll und hilft ihnen aus der Klemme. Und dann staunen die Erwachsenen aber, was die Kinder so alles können.
So funktionierte auch jede Folge der Kinder-Vergötzungs-Quatschserie „Neues aus Uhlenbusch“ (Kinderversteher = Onkel Heini). Oder „Das feuerrote Spielmobil„. Oder „Rappelkiste„.
Die im Protestsumpf der Spät-68er aufgewachsen jungen Eltern fanden das natürlich voll süß, wenn die kleinen da so niedlich ihre Rechte forderten. Dass aus denen dann schnöselige, selbstgerechte und hedonistische Besserwisser-FDP-Typen-die-trotzdem-Grüne-wählen werden würden, war ja noch nicht absehbar.
Aber zumindest hat diese pädagogische Populärhaltung Zuckowski & Co. die Möglichkeit gegeben, diese Form der Kindervergötzung kommerziell auszuschlachten. Schlimm. Aber vorbei. Dachte ich jedenfalls.
Um so erstaunter war ich, dass diese Masche immer noch funktioniert. Sieht man an Uli Hausers Buch: „Wie wir Schule machen!“ Das ist nämlich auch eine Coverversion. Und zwar des ebenfalls unerträglichen Buches „Eduaction – Wir machen Schule“ von Margret Rasfeld. „Edu – Action“? Allein für die Erfindung dieses denglischen Neologismus sollten die Autoren mindestens drei Tage in den Karzer gehen! Jedenfalls erklärt in diesem Buch die Rektorin Rasfeld, wie unübertroffen phantastisch ihre Schule ist, die Evangelische Gemeinschaftsschule in Berlin-Zentrum. In dem Buch „Wie wir Schule machen!“ tun das angeblich drei Schülerinnen dieser Schule. Und das Buch hat sogar einen ganz ähnlichen Anfang wie „Ich mag“ von Rolf Z. Die Frau Rasfeld, heißt es da, hat nämlich mal gefragt, wer Lust hätte, ein Buch zu schreiben: „Frau Rasfeld sagte also, dass es ein Projekt mit Uli Hauser aus Hamburg gibt, der meinte, jetzt sollten mal Kinder über Bildung und Erziehung schreiben.“ Und dann kommts: „In diesem Buch wollen wir euch nur mal sagen, wie wir Schule erleben.“ Da ist er wieder, der Zuckwoski/Uhlenbusch-Slang: „…nur mal…“ Und so geht das dann dauernd weiter. Dieses pseudo-authentische Geschwafel, das im Wesentlichen wiederholt, was man eh schon weiß. Aber, und das ist sicher die Absicht hinter diesem Buch, jetzt natürlich eine ganz andere Legitimationsstufe bekommt. Weil, guckt mal, ist die Botschaft, auch die Schüler finden das voll toll, wie wir das machen. Cleveres Marketingkonzept für eine Privatschule, muss man schon sagen. Einfach den Rolf Zuckowski machen.

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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2 Antworten zu Spät-68er-Entertainment-Pädagogik

  1. fraulehrerin schreibt:

    Och Herr Oeser…bei Zuckowski kann ich dir ja zustimmen…aber leider muss ich dir sagen, dass das Buch wirklich von den drei Schülerinnen geschrieben wurde. Ich habs gelesen und auch mit einer der dreien geredet. Außerdem habe ich Frau Rasfeld live erlebt und muss sagen, dass sie eine echte Visionärin ist, die eine andere Art von Schule geschaffen hat. Hier geht es doch nicht um Marketing für eine Privatschule. Das dortige Konzept stellt tatsächlich die Schüler in den Mittelpunkt. Und es funktioniert. Und die Intention der Bücher ist, die Ideen weiterzutragen. Schule kann nicht so bleiben wie sie jetzt ist.
    Aber das wollen nicht alle wahrhaben…
    Ich wäre auf jeden Fall sehr gerne auf diese Schule gegangen. An meinem Gymnasium wurde man als Schüler nicht wahrgenommen und die eigenen Stärken und Potentiale haben keine Sau interessiert. Und wenn die 68er Schuld daran sind, dass sich das nun ändert, dann ist das halt so. Aber eigentlich hat das mit denen ja nix zu tun. Die sind doch alle schon viel älter.

    • Ens Oeser schreibt:

      1. Ja, das Gymnasium. Die Lehrer dort sind alle eigentlich Wissenschaftler. Oder eigentlich Künstler. Eigentlich wollten sie nicht Lehrer werden. Aber dann hatten sie die Hosen voll und die Eltern haben gesagt: Werde doch Lehrer, da bist du verbeamtet und so. Sicheres Einkommen. Klar haben die sich nicht für dich interessiert. Die interessieren sich für sich. Ist doch logisch. Die sind der Meister, du bist der Schüler. Friss oder stirb. Da hast du doch auch was gelernt. Über das Leben an sich und das Durchbeißen im Besonderen.
      2. Die 68er: Sind schuld an allem. Immer. Und wenn nicht persönlich, dann die Veränderungen, die auf sie zurück gehen. Sind sie halt indirekt schuld. Ist doch logisch. Weiß doch jeder.
      3. Ich glaube, dass Rolf Zuckowski hinter dieser Schule steckt. Er ist der Dieter Bohlen der individuellen Förderung. Oder der Pate? Diese Rasfeld, oder wie heißt die, ist doch bloß eine Marionette. Lies mal den Wikipediaeintrag über „Ich mag“. Da weißt du nachher Bescheid. Da haben Kinder dann auch „selbständig“ Strophen geschrieben. Das ist doch alles Manipulation. Vielleicht sogar eine Verschwörung?

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