Manifest: Verbietet professionelle Unterrichtsfotos!

Die Lehrerin ist dezent geschminkt und unaufdringlich schick gekleidet. Sie sitzt mit einem Schüler vor seinem Heft. Konzentriert wendet sie sich ihm zu. Ihr Gesichtsausdruck ist unterlegt mit Wohlwollen und echtem Interesse an dem vor ihr sitzenden Individuum. Ja, man sieht ihr richtig an, wie sie diesen Schüler als Individuum empfindet, denn, auch das sieht man, hier wird individuell gefördert.
Im Blick des Schülers liegt tiefes, festes Vertrauen und echtes, ernstes Interesse. Der unbeugsame Wille zum Verstehen. Das liegt daran, dass die Lehrerin so tollen Unterricht macht. Das sieht man dem ganzen Setting an, wie toll hier alles läuft. Das Ganze spielt sich in einer sauberen und bunt gestalteten Lernlandschaft ab. Ich blättere schnell um. Der Bildungsplan 2012 nervt voll. Vor allem auf Seite 58. Ehrlich mal! Warum, frage ich mich, gucke ich das überhaupt noch an? Diese Fotos! Die machen mich fertig. Egal, ob Bildungsplan, Pädagogik-Heft oder im Schulmagazin 5 – 10. Überall wimmelt es von Fotos mit tollen zugewandten und souveränen Lehrern und arbeitenden, hochinteressierten Schülern. Da wird mir immer ganz schlecht. Denn ich bin nicht so zugewandt und meine Schüler gucken auch nie so ergeben interessiert. Mal ganz zu schweigen davon, wie es in meinem Klassenzimmer aussieht.
Ich meine, die Leute regen sich über dürre Supermodels auf, weil empfindsame Prä-Adoleszenten-Seelen ihren Körper deswegen zu fett finden könnten und darum vielleicht anorektisch werden. Klar, das ist schlimm. Aber welchen Schaden nimmt eine sensible Lehrerseele bei diesen Profi-Hochglanz-Unterrichtsfotos? Hat da schon mal jemand drüber nach gedacht? Also ich könnte jedesmal Supervision brauchen, wenn ich so ein pädagogisches Fachblatt durchgeblättert habe. Und das nur wegen der Bilder. Das muss man sich mal rein tun! Wegen der Bilder! Und jetzt sind auch noch im Bildungsplan so Normalo-Lehrer-Fertigmach-Bilder drin. „Da, guckt mal, so toll machen die das in Hinterobertupfingen (oder wo auch immer), wieso ihr eigentlich nicht?“, schreien einem diese scheinbar so authentischen Schnappschüsse höhnisch entgegen. Ich habe das satt. Ich will das nicht mehr. Und sag mir ja nicht irgend ein Oberschlaubi: „Dannn guck halt nicht hin!“ Da muss man doch hingucken, geht ja gar nicht anders! Das ist ja wie in den Nachrichten, wenn die schlimmen Bilder aus Afrika kommen. Da guckt man einfach hin.
Dabei sind das Profibilder. Die bilden genau wie die Supermodelfotos, etwas ab, was es in Wirklichkeit gar nicht gibt. Sie setzen eine völlig unrealistische Norm. So wie ein echter Frauen- oder Männerkörper niemals so aussehen wird, wie so ein nachbearbeitetes Supermodelfoto, so sieht es auch im Unterricht niemals so aus, wie auf diesen Bildungsplanfotos. Ist das eigentlich eine Kompetenz, die im Bildungsplan vorkommt? Manipulation durch Bilder zu erkennen?
Ich bin für ein Verbot dieser Bilder. Sie setzen mich unter Druck. Sie verletzen meine Würde. Ich mag das nicht. Liebe Bildungsplankommission für den verschobenen Bildungsplan: Druckt keine solchen Bilder im neuen Bildungsplan ab. Druckt überhaupt keine Bilder im Bildungsplan ab. Auch wenn er Bild-ungsplan heißt. Das habt ihr falsch verstanden. Es geht um Bildung, was lernen, Persönlichkeit ausbilden und so. Okay? Tut es für mich.
So, jetzt ist es raus. Ich denke mein Therapeut wird zufrieden mit mir sein.

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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2 Antworten zu Manifest: Verbietet professionelle Unterrichtsfotos!

  1. fraulehrerin schreibt:

    Also deine ersten drei Sätze beschreiben doch mich, oder?

    Im Ernst: im neuen Bildungsplan haben Fotos zu Glück ja gar keinen Platz. Den gibts am PC und gut ist. Mittlerweile bin ich sogar so optimistisch, dass ich denke, dass es doch was wird mit dem neuen Bildungsplan.

    • Ens Oeser schreibt:

      Bist du das auf Seite 58? Ich hab dich gar nicht erkannt! Sowas! Und das mit dem Bildungsplan: Wart mal ab, wenn die CDU wieder regiert. Ist doch bald, oder?

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