Die Geschichte zum Lied: Der Sinn des Lebens (30.Juni 1996)


Als Oliver Bierhoff am Abend des 30. Juni 1996 in der Verlängerung sein goldenes Goal ins tschechische Tor pfefferte, hatte ich mein Lied bereits unter Dach und Fach. Ich stand mit der Gitarre um den Hals am Dachfenster meiner Ravensburger Studentenwohnung und schaute dem kleinen Feuerwerk zu Ehren der frischgebackenen Europameister zu. Nebenher spielte mein erstes, richtig gutes, ganz alleine und selber geschriebenes Lied „Der Sinn des Lebens“.
Texte hatte ich immer schwierig gefunden. Und jetzt, da ich zum ersten Mal einen geschrieben hatte, den ich gut fand, fiel mir auf, dass ich vorher einfach nicht gewusst hatte, über was und wie ich schreiben sollte. Doch dann hatte ich die erste Tocotronic-Platte und „Monokini“ von Stereo Total entdeckt. Mir gefiel das bewusst Dilettantische. Die Musik rumpelte genauso wie die Texte. Und diese Texte waren von rührender Einfachheit. Keine Verse oder Reime. Eher kurze Erzählungen. Das hatte mir Mut gemacht, es nochmal zu probieren.
Aus irgend einem Grund hatte ich meinen Bruder von der Arbeit abgeholt. Sein Auto war, glaube ich, in der Werkstatt. Und da war mir aufgefallen, dass ich ganz vergessen hatte, wie sinnlos und verloren mir die Tage erschienen waren, als ich selber in einer Fabrik an der Punktschweißmaschine gearbeitet hatte. Ich saß auf dem Boden vor dem Pförtnerhäuschen und wartete. Und da hatte ich schon die ersten Zeilen im Kopf. Und gleichzeitig ahnte ich auch schon die Melodie dazu.
Mein erster Gedanke beim Anblick der wuselnden hektischen Menschen, die in Blaumännern und Anzügen hin und her rannten, war: Also, wenn das der Sinn des Lebens sein soll, dann bin ich lieber voll. Dann, so dachte ich weiter, lieber Alkohol und Drogen. Aber das kann es ja echt nicht sein, fand ich. Der Sinn des Lebens war etwas, worüber ich häufig nachdachte. Sartres Antwort, dass es keinen Sinn ansich gebe, sondern dass man sich diesen selber basteln müsse, fand ich zu anstrengend.
Ein Lied über den Sinn des Lebens? Das fand ich gut. Und hier hatte ich auch schon den perfekten Aufhänger. Noch bevor mein Bruder durch das Werktor kam, hatte ich ein paar Zeilen beeinander.
„Neulich vor der großen Fabrik,
bekam ich wiedermal Einblick.
In das Leben des werktätigen Volkes,
und was ich sah, hat mir nicht gefallen.“
Werktätig. Ein super DDR-Wort, das mich wunschgemäß gleich mal links verortete.
Ansonsten lief der Sommer ’96 perfekt. Wenn ich nicht an der PH gammelte, dann tat ich das entweder zu Hause, oder in meinem Studentenzimmer in der Stauferstraße in Ravensburg. Ich schrieb eine Hausarbeit über „Träume, Mythen Märchen“ von Erich Fromm. Und wie schon im Sommer davor, verbrachte ich viel Zeit im Magazin der Hochschulbibliothek und las in der angenehmen Keller-Kühle Suhrkamp-Bücher von Oskar Negt, Jürgen Habermas und Peter Sloterdijk. Die „Kritik der zynischen Vernunft“ fand ich extrem gut. Auch wenn ich das Meiste, was da stand, gar nicht kapierte. Zur Erholung blätterte ich manchmal auch die alten Bravos durch. Die standen da auch komplett herum. Das Tagespraktikum lief wie geschmiert. Mein Referat über rechtsradikale Liedermacher war ein voller Erfolg. Es lief einfach.
Efan, Laus, Ennis und ich spielten zusammen Gitarre und es kristallisierte sich langsam die Band heraus. Und wir brauchten eigene Lieder.
Genau wie für die Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft.
Jeden Abend feilte ich an dem Lied und schaute nebenher die Fußballspiele der Europameisterschaft an. In jeder freien Sekunde -und davon hatte ich viele- dachte ich an das Lied. Bis es schließlich perfekt war.
„Die Welt versprach mir Sinn, doch sie hat gelogen“, war der zentrale Satz. Die Welt hat keinen Sinn. Und der Sinn, den man sich macht ist auch meistens Mumpitz. Aber alle tun die ganze Zeit so, als sei das, was sie tun mords sinnvoll. Das war die Botschaft. Kam mir sehr tiefgründig vor, damals.
Ich nahm das Lied zu Hause auf meine Cassette auf. Kurze Zeit später übten wir es mit ACH ein. Es passte perfekt zu uns. Es war unser Lied.
Obwohl „Der Sinn des Lebens“ ein eher langsames Lied war, tanzten die Zuhörer manchmal dazu. Und einige konnten sogar mitsingen. Das hat mich tief beeindruckt. Nicht, dass die Leute tanzten oder sangen. Sondern, dass jemand zu Musik, die ich gemacht hatte, tatsächlich sang und tanzte. Es war irre.
1998 nahm die Band das Lied für ACHstrasse auf. Die Aufnahme ist super. Ennis Bass ist phänomenal. Laus spielt diszipliniert die Akkorde und Efans kleine Einsprengsel verstärken schön die melancholische Stimmung. Schöne Aufnahme.

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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