Die Geschichte zum Lied: Sandmännchen, bitte komm zurück! (1984/1996/1998)

1984
An einem eintönigen Frühlingsabend hatte ich in meinem kleinen Schwarz-Weiß-Fernseher den Film „Flucht ins 23. Jahrhundert“ angeschaut. Worum es genau ging, kapierte ich nicht, fand es aber witzig, dass die Polizisten in dem Film „Sandmänner“ hießen. Na ja, ich war zwölf, was will man da verlangen?
Während des Films spielte ich ein Lied der Bay City Rollers nach. Die toteste aller toten Siebziger-Jahre-Bands. Meine Schwestern waren Mitte der Siebziger total auf die abstrusen schottischen Typen mit ihren karierten Elvis-Anzügen abgefahren. Es frappierte mich, dass eine Musikgruppe, die so viel Erfolg gehabt hatte, schon ein paar Jahre später absolut weg vom Fenster, parktisch vergessen war.
Das Lied hieß „Ain’t it strange„. En hübsches Akustik-Gitarren-Lied. Es begann mit D-Dur, wechselte auf E-Moll und von da auf G-Dur und zurück auf D. Ganz einfach.

Am folgenden Tag besuchte mich Arkus. Wir wollten wieder ein Lied für unsere Cassette aufnehmen. Wir dudelten und improvisierten vor uns hin, aber es war alles Mist.
Also begann ich die Akkorde von „Ain’t it strange“ zu spielen. Als Text sang ich „Ich träume immerzu von einem Liebeslexikon“ aus dem Trio-Lied „Herz ist Trumpf„. Antwort von Arkus: „Kannst du auch brauchen!“ Fand ich albern. Da fiel mir der Film ein. Flucht. „Sandmännchen, bitte komm zurück“ sang ich. Und Arkus antwortete: „Denn ich brauche deinen Sand!“
Wir nahmen insgesamt fast zwanzig Minuten auf. Fanden aber alles blöd. Wir machten nie ein fertiges Lied daraus.

März 1996
Arkus war vor einem Jahr gestorben. Original Texte von ihm, die ich noch hätte vertonen können, gab es nicht mehr. Ich saß in meinem Kinderzimmer und hörte unsere alten Cassetten durch. Da stieß ich auf die Aufnahme mit „Sandmännchen, bitte komm zurück!“ Ich musste darüber lachen. Aber mir gefielen die Akkorde und die beiden Zeilen so gut, dass ich versuchte, ein richtiges Lied daraus zu basteln.
Bei den Cafetengedichten gab es bereits ein Sandmanngedicht, das ich sogar schon vertont hatte. In irgendeinem Seminar hatten wird ETA Hoffmanns „Der Sandmann“ besprochen.
Und jetzt fand ich es gut, ein Anschluss-Sandmann-Lied zu machen.
Abends ging ich ins „Deutsche Haus“. Realschulfreunde, Bier, Tischkicker. Auf dem Hinweg hatte ich eine Eingebung für den weiteren Text.
Als ich nachts etwas angeschlagen nach Hause kam, schrieb ich ihn auf meinen Tischkalender:
„Sandmännchen, bitte komm zurück,
denn ich brauche deinen Sand!
Schau mal unter meinen Augen,
ist schon ein ganz schwarzer Rand.
Im Wachzustand träum ich davon,
wie es wär für immer zu schlafen,
denn was bringt es mir den schon,
wach zu sein ganz ohne Sinn.“
Es reimt sich nicht, dachte ich beschickert, aber Scheiß drauf, wer braucht Reime? Zufrieden ging ich ins Bett. Schlafen. Bis heute eine meiner Lieblingsbeschäftigungen.

Eine Woche lang bastelte ich in meiner Ravensburger Wohnung abends vor dem Fernseher an dem Lied. Am Wochenende darauf, nahm ich es auf meine Cassette auf. Vor allem auf mein geniales E-Gitarren-Solo war ich stolz. Es war die Zeit von Nirvana. Erst leise und unverzerrt, dann laut und verzerrt. So auch bei meiner Aufnahme des Liedes. Schön war es geworden.

Später spielten wir das Lied mit Ach. Klaus sang. Erst leise, dann laut ließen wir weg. Das klang auch gut.

1998
Als wir im Jugendhaus Weingarten die Achstrasse aufnahmen, näherten wir uns dem Original von 1984 an. Wir unterlegten meine Gitarre mit einer Bontempi-Keyboard-Drum und einem Weltraum-Chor-Sound. Den zweiten Teil sangen wir Dreistimmig. Und Efan spielte ein genial verpeiltes Gitarren-Solo, das bis heute seines Gleichen sucht. Als er es aufnahm, mussten wir im Flur warten. Damit er sich besser konzentrieren konnte. Das Ganze mündete in einem Keyboard-Bontempi-Doofsound-Inferno. Cool.

Nach einiger Zeit stellten wir ein Medley aus D-Em-G-D-Liedern zusammen. Nicht nur die Bay Citiy Rollers und ich waren diesen Akkorden verfallen, auch die Four Non Blondes bei ihrem Hit „What’s going on“ und Bobby McFerrin bei seinem Überhit „Don’t Worry, Be Happy„. Man spielt und spielt immer die gleichen Akkorde und haut einen Hit nach dem anderen raus. Mir macht sowas ja immer Mut. Pippi-Griffe. Riesenhits. Toll!

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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