Die Geschichte zum Lied: Das blaue Leben (November/Dezember 1995)


„Das blaue Leben“
ist ein trauriges Lied. Angesiedelt in einer postindustriellen Landschaft, erzählt es von der Liebe in Zeiten transzendentaler Obdachlosigkeit. Mal einfach ausgedrückt. Zuerst war es ein Cafetengedicht. Dann habe ich es vertont. Es war das erste Cafetengedicht, das zum Lied wurde.

Wenn man verstehen will, was dieses Lied bedeutet, dann muss man folgendes wissen.

Seit 1984 nahm ich mit meinem Realschulfreund Arkus Lieder auf. Er schrieb den Text, ich die Melodie. Das funktionierte wunderbar.

1989 endete die Realschule. Ich ging auf das Wirtschaftsgymnasium, Arkus machte eine Handwerkerlehre. Wir blieben Freunde, aber für Musik hatten wir keine richtige Zeit mehr. Außerdem kam es mir plötzlich kindisch vor, zu Hause am Cassettenrecorder zu hocken und Lieder aufzunehmen. Es gab viel reifere Dinge, die man tun konnte. Alkohol trinken zum Beispiel. Oder fernsehen.

Nach Wirtschaftsgymnasium, Bundeswehr und einem Jahr Arbeiten, ging ich im Herbst 1994 nach Weingarten, um Hauptschullehrer zu werden. Ich wohnte in einer schönen Wohnung über den Dächern von Ravensburg. Zum ersten Male ganz allein und selbständig. Und es gefiel mir. Gerade richtig weit weg von den nervigen Eltern und der schwierigen Freundin. Es war toll. Jetzt, da ich Student war, las ich die rororo-Monographien über Rudi Dutschke und Che Guevara. Dann las ich „Die Kunst des Liebens“ und „Haben oder Sein“ von Erich Fromm. Und im Sommer kaufte ich mir auf dem Ravensburger Flohmarkt „Der eindimensionale Mensch“ von Herbert Marcuse. Ich wurde Stammgast in der Stadtbibliothek Ravensburg, wo ich mir Hörbucher auslieh, die ich stundenlang, auf dem Sofa meiner Wohnung herumgammelnd, anhörte. Blur, Oasis und die Stone Roses traten 1995 in mein Leben. Zur Fasnet 95 verschwand die Freundin aus meinem Leben. Es war toll.

Im März 95 starb Arkus an Krebs. Das war schlimm. Ich überlegte, wie er trotzdem bei mir bleiben könnte. Ich wollte nicht auf ihn verzichten. Also suchte ich alte Texte von ihm heraus, die wir damals nicht vertont hatten und machte Melodien dazu. Dann setzte ich mich, wenn ich am Wochenende zu Hause war, wieder vor den Cassettenrecorder und nahm die Lieder auf. Das fühlte sich dann so an, als sei er dabei.

An der Pädagogischen Hochschule lernte ich neue Menschen kennen. Erstmal Anfred, dann Laus, dann Ennis und noch ein paar andere. Im Sommersemester 95 gammelten wir zusammen rum und schwitzten in den Seminarräumen. Das war fantastisch. Vor allem das Gammeln.

Im Herbst 1995 begannen wir, die Cafetengedichte zu schreiben.

„Das blaue Leben“ entstand in genau diesem Herbst, aber nicht in der bunten Phase, sondern schon in der mit dem Matsch und dem Nebel. Da wird man leicht mal melancholisch. Vor allem, wenn man im dritten Semester ist. Bisher war mit dem Studieren alles erstaunlich gut gegangen. Wir hatten die ersten Referate und Klausuren überstanden. Wir hatten sogar das erste Tagespraktikum überstanden und erstmals Schüler unterrichtet. Darüber staunten wir immer noch.
Anfred, Ennis und ich saßen wie immer auf den roten Holzstühlen vor den Resopaltischen in der Cafeteria im Nichtraucherbereich am Fenster und tranken Pappbecherkaffee. Aus dem Automaten. Der Tisch wackelte. Die anderen Cafetenmafiosis waren auch da, redeten aber unwichtiges Zeug über Scheine, Seminare und andere Sachen, die Zukunft betreffend. Also egal. Überall lagen Flyer rum. Mensadisco, Katholische Hochschulgemeinde, GEW. Für uns  war die leere Rückseite interessant.

Zuerst wählten wir das Thema. Ich schlug als Überschrift vor: Das blaue Leben. „Blau“ wegen des englischen „blue“, also „traurig“.

Ich hatte den ersten Satz in die Runde geworfen.
„Ich traf dich bei der Raffinerie…“ Das war stark. Raffinerie. Da dachte ich an die „Ölbohrer“ in meiner Heimatstadt und die ausgedehnten Spaziergänge, die ich mit meinem Bruder bei den Ölspeicherkesseln und Pumpen unternommen hatte. Gedichte über Raffinerien waren eher selten, da war ich mir sicher. Außerdem war es intellektuell und intellektuell war auch wichtig.
Die meisten unserer Gedichte funktionierten wie Witze. Man lockte den Leser oder Zuhörer auf eine falsche Fährte und verblüffte ihn dann mit einer unerwarteten Wendung: Dem billigsten naheliegenden Witz.
Enstprechend machten Ennis und Anfred erstmal so bescheuerte Vorschläge wie „Ich traf dich bei der Raffinerie – mit einem Stein an den Kopf …“ Aber diesmal war mir nicht nach lustig. Ich hatte Herbert Marcuse gelsen! Ich wollte Kunst, ich wollte, dass die beiden mir halfen, mein neues, intellektuelles Lebensgefühl auszudrücken. Alleine traute ich mir das nicht zu. Trotzdem legte ich erstmal einen weiteren Satz nach: „Sowas wie dich, sah ich noch nie.“ Das fanden sie gut. Wussten aber immer noch nicht so recht weiter, also schob ich den dritten Satz auch noch nach: „Beim schnellen Brüter traf ich dich wieder.“ Schneller Brüter, das war auch cool, das war so Achtziger-Anti-Atom-Bewegung. Ab jetzt übernahm Anfred.

„Wir sangen dort patriotische Lieder / Unser nächstes Treffen war bei der Kläranlage.“

Patriotische Lieder, das war auch gut, weil so gegen den Mainstream. Ennis warf jetzt ein:

„Du stelltest mir die berühmte Frage.“

Ich kam sofort mit dem billigsten Witz rüber: „Bist du Nazi oder, warum singst du diesen Scheiß?“ Da lachten wir dann erst mal. Aber als Anfred es aufschreiben wollte, wehrte ich ab.

Er schlug „Liebst du mich?“ oder „Willst du Sex?“ vor. Aber ich wollte ein philosophisches, ein trauriges Gedicht:

„Hat das Leben einen Sinn?“, sagte ich und Anfred notierte es sofort.

Dann Ennis:

„Weiß ich wer ich wirklich bin?

Und wenn ich wüsste wer ich wär / bedeutete dann mein Leben mehr?“

Das war stark, das war sogar super. Aber jetzt stockte die Produktion. Wir überlegten. Dann hatte ich eine Idee.

„Du hast mich nun verlassen / Und ich begann mich dafür zu hassen.“

Bei diesem Sätzen hatte ich zweierlei im Sinn. Erstens hatte mich meine Freundin ja von sich getrennt. Das hatte mich erleichtert, denn sie war eine sehr anstrengende Freundin gewesen. Gleichzeitig hatte ich aber das Gefühl, nicht richtig erwachsen zu sein, weil es mir nicht gelungen war, längerfristig eine Freundin an mich zu binden. Das war dann irgendwie deprimierend. Verwirrende Sache. Aber in den beiden Sätzen gut ausgedrückt. Finde ich heute noch.

Ennis steuerte den nächsten Satz bei:

„Ich liebe dich immer noch sehr“

Das war okay. Es war traurig. Und hoffnungslos. Erich-Fromm-mäßig. Und damit war das kleine Blatt fast schon voll geschrieben. Aber Anfred schrieb, mit seinem untrüglichen Gespür für den billigsten naheliegenden Witz, den letzten Satz dazu:

„aber ich hab leider keinen Platz mehr.“

Wir waren sehr zufrieden. Ich steckte das Blatt ein. Denn zu Hause hatte ich ein Heft für die Cafetengedichte angelegt, in das ich sie mit Datum einklebte.

In den Weihnachtsferien saß ich zu Hause, hörte „Parklife“ von Blur und „I should coco“ von Supergrass in Endlosschleife. Ich ging ins Deutsche Haus, spielte Tischkicker und trank Bier. Es war wie immer. Aber alles ohne Arkus.

Schließlich fand ich keine alten Arkus-Texte mehr. Und selber Texte zu schreiben, traute ich mir nicht zu. Meine eigenen Texte waren shit. Immer schon.

Darum hatte ich das Heft mit den eingeklebten Cafetengedichten mit nach Hause genommen.

Vor kurzem hatte ich beim abendlichen Klimpern vor dem Fernseher entdeckt, dass man durch das Weglassen einzelner Finger bei Gitarrengriffen einen wahnsinnig melancholischen Klang erzeugen konnte. Und so hatte ich mir eine Akkordfolge solcher Griffe zusammengestellt, die entfernt an „Wish you were here“ von Pink Floyd erinnerten. Und sie passten wie 1:1 zu „Das blaue Leben“. Es war der Hammer! G ohne Zeige Finger, F ohne Zeigefinger, eMoll ohne Mittelfinger und A7. Und dann im Wechsel C ohne Zeigefinger und A7 in der ohne Mittelfingerversion.

Und so nahm ich an einem Samstagabend zwischen Weihnachten und Silvester die Urversion von „Das blaue Leben“ mit meinem Cassettenrecorder auf. Ich spielte meine Squeeze-Fender-Immitat-Gitarre so hell es ging und sang die zweite Stimme dazu. Darüber legte ich einen Pseudo-Bass. Und dann sang ich dazu. Und dann saß ich in meinem Kinderzimmer auf dem Boden und war beim Anhören wie vom Donner gerührt, was für ein unglaublich phantastisches Lied wir da produziert hatten. Es hatte genau die richtige wehmütig-selbstmitleidige Stimmung, in der man sich so richtig einkuscheln konnte. Und ich hatte eine Möglichkeit gefunden mit den Cafetengedichten das, was Arkus und mich verbunden hatte fortzusetzen. Ich verband, ohne es beabsichtigt zu haben, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Den Text hatte ich leicht verändert. Nach „Ich traf dich beim schnellen Brüter wieder“ sang ich statt „wir sangen dort patriotische Lieder“ den Satz „ich riss vor Freude fast die Hochspannung nieder.“ Auch schön. Hochspannungsleitungen waren total postindustriell. Geil irgendwie.

Ach sangen das Lied im Bibelkreis-Raum in der Katholischen Hochschulgemeinde zum ersten Mal. Da sang ich es noch. Später übernahm Ennis den Gesang. Seine Stimme und seine Intonation passt besser zu dem Lied.

Bei der Aufnahme für „Achstrasse“ 1998 spiele ich Gitarre. Eine schöne akkustische Stahlsaitengitarre. Zuerst spielte ich die Akkorde, dann die Bassläufe. Darüber Ennis Gesang. Wunderschön.

Wenn ich heute Gitarre spiele, dann spiele ich oft erst einmal „Das blaue Leben“. Weil es gut tut.

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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Eine Antwort zu Die Geschichte zum Lied: Das blaue Leben (November/Dezember 1995)

  1. Ens Oeser schreibt:

    Habe heute „Dirty Old Town“ von den Pogues angehört. Da gibt es erstaunliche Text-Parallelen. Die gleiche Industrieromantik. Nur ohne Atomkraftwerk. Ganz zu schweigen von Fehlfarbens „Ich .mag sie“, oder wie das heißt.

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