Anachronistische Mumien

Bevor es um das eigentliche Thema dieses Textes geht, möchte ich folgendes sagen: Ich liebe die Menschen. Ich hab‘ sie alle lieb. Ich finde sie toll. So wie sie sind. Ehrlich. Nicht dass nachher wieder einer kommt und sagt, dass ich immer alles so negativ sehe.

Neulich ist mir nämlich der Typ begegnet, der immer mit einem Baseballschläger die Tanzfläche vom „Contraste“ bewacht hat. Zum letzten Mal habe ich ihn 1989 gesehen. Aber kein Zweifel, er war es: Bürstenhaarschnitt, schwarze Lederjacke mit weißem T-Shirt drunter, schwarze Sonnenbrille mit runden Gläsern, Jeans und Dr. Martens-Schuhe. So ein bisschen Dave Gahan von Depeche Mode.

Das „Contraste“ war eine Disco in meinem Heimatort, in der so sympathische Gestalten wie Skinheads, Punker, Waver, Rockabillys und dergleichen Profilneurotiker verkehrt haben. Also alles so Typen, die glaubten, Charakter sei etwas zum Anziehen. Hirnis, die Stil mit Persönlichkeit verwechselten. Und neben der Tanzfläche: Immer dieser Typ, wie der Fels in der Profilneurotikerbrandung. Fand ich cool. Damals.

Jedenfalls ist er mir neulich wieder begegnet. Und das Krasse war: Er sah immer noch genauso aus wie damals. Nur ohne Baseballschläger. Ich meine: Es ist das Jahr 2014 und der Typ immer noch 1989. Das, dachte ich, ist doch auch irgendwie profilneurotisch.

Als ich damals im „Contraste“ verkehrte, tat ich das mit einer grauen Sechzigerjahre Anzugsjacke, grau gewürfeltem Hemd und etwas, was wir damals Tankwartschuhe nannten. Und mit Haaren, die ich damals für eine Frisur hielt. Fand ich gut so damals. Damals! Aber so ist man als Jugendlicher halt. Profilneurose hoch zehn. Heute sehe ich anders aus. Ich meine: „Du hast dich verändert, ich hab mich verändert, das Leben ist Veränderung!“ (Zitat aus „Coming Home“ von Falco) Ja, und dann zieht man halt auch andere Sachen an.

Jetzt bin ich grundsätzlich kein großer Freund von Veränderungen. Aber als ich den Baseballschlägermann original 1989 wieder sah, da machte mich das trotzdem traurig. Der arme Kerl, dachte ich. Hat sich im Jahr 1989 verpuppt und ist dann nicht mehr rausgekommen aus seiner Verpuppung. Und ich sah ihn vor mir, wie er eines Tages in diesen Klamotten auch seinen Rollator schieben würde.

Und dann fiel mir auch noch ein ehemaliger Lehrer ein, der damals in den Achtzigern total Siebzigerjahre-Elvis-mäßig angezogen und vor allem frisiert war. Das war auch sowas. Und plötzlich fielen mir eine ganze Menge Leute ein, die so sind. Zum Beispiel der Wirt von dem einen Cafe, der immer noch haargenau so aussieht wie Andreas Brehme bei der Fußball Weltmeisterschaft 1990.

Das sind doch alles Anachronismus-Mumien, dachte ich schaudernd. Und das Wort gefiel mir. Anachronismus-Mumien. Darum habe ich über die Sache noch weiter nachgedacht. „Anachronismus“ heißt ja so etwa „Aus der Zeit gefallen“. Und da fiel mir auch noch so eine Frau aus unserem Viertel ein, die ich heimlich Normen-Bates-Mutter nenne. Von hinten sieht sie aus wie sechzehn, aktuelle Mode, dünn, aber sieht man ihr Gesicht, dann weiß man: Geht auf die Siebzig zu.

Es gibt also zwei Arten von Anachronismus-Mumien. Die erste verpuppt sich in einem bestimmten Alter oder Jahr und verändert sich dann einfach nicht mehr. Dazu gehört der Contrastemann.

„Aus der Zeit gefallen“ist auch die zweite Art, nur eben andersrum. Das sind Leute, die von hinten aussehen, wie Teenager. Sieht man sie aber von vorne, dann blickt man in die Normen-Bates-Mutter-mäßig-mumifizierten Gesichtszüge eines Frührentners. Das ist die junge alte Frau aus meinem Viertel. Sie gehört zu den Leuten, die jeden Modeschwenk an Haut, Haar und Kleidung hektisch nachvollziehen und solche Sachen miteinander reden wie: „Kann man das heutzutage überhaupt noch anziehen?“ Früher konnten junge Leute in Würde alt werden, heute sind alte Leute oft unwürdig jung. Schlimm.

Kleider werden überbewertet. Wenzel Strapinski lässt grüßen.

Schlimm, schlimm. Aber ich habe die Menschen trotzdem lieb. Das will ich nochmals betonen. Auch den Contrastemann. Bei der Frau aus meinem Viertel weiß ich nicht so genau.

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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2 Antworten zu Anachronistische Mumien

  1. Jette schreibt:

    Voll ins Schwarze getroffen oder wie man heute sagt he Alter voll gut!

  2. Atrin schreibt:

    Meine Rede. Bezieht sich aber nicht nur auf den Kleidungsstil…

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