Der Wiener Zwergenkalender ist ein Symptom radikaler Entschleunigung

Ich bin katholisch. Seit Papst Franziskus darf man das ja wieder zugeben. Aber ich bin ein eher, nennen wir es, passives Kirchenmitglied. Ich zahle Kirchensteuer und schaue mir ansonsten die fantastische Architektur katholischer Kirchenbauten zumeist von außen an. Auch moralisch und ethisch gibt es zwischen mir und meiner Kirche ziemlich wenige Schnittmengen. Allerdings muss man ihr zugutehalten, dass sie immerhin seit 1992 anerkennt, dass die Erde rund ist und sich um die Sonne dreht. Galilei habe eventuell doch Recht gehabt. Das ist doch stark! 400 Jahre später! So lange denkt beispielsweise das Kultusministerium über seine Entscheidungen nie nach.

Ja, bei der katholischen Kirche laufen die Uhren anders. Ich war mit meiner Familie in Wien. Und man weiß ja, in Österreich ist es wie überall im Süden: Alle sind katholisch. In der Grabenstraße hinter dem Stephansdom ist uns ein Mönch begegnet. „Helft unseren Schwerbehinderten“, hat er gerufen und milde lächelnd meinem Sohn etwas in die Hand gedrückt.

„Guck mal Papa“, sagte mein Sohn und hielt mir ein altbackenes Heftchen entgegen, „das hat mir so ein Papst da vorhin gegeben.“

„Der Papst?“, Zwergenkalender 001sagte ich, durch den Mönch inspiriert väterlich gütig lächelnd.

Das Heft hieß „Zwergenkalender 1998“. Immerhin fiel der inzwischen doch schon 16 Jahre zurückliegende Druck dieses Heftchens in die Zeit, als auch für die katholische Kirche die Erde schon rund war. Helmut Kohl war noch Kanzler. Alle hatten Angst vor dem Milleniumbug. Man muss schon ein ganz anderes Verständnis von der Zeit haben, wenn man es im Jahre 2014 allen Ernstes hinkriegt, Kalender aus dem Jahre 1998 zu verteilen und dafür eine Spende zu verlangen. Wenn es wenigstens ein Ablassbrief gewesen wäre! Aber was sind schon 16 Jahre aus der Sicht einer zweitausend Jahre alten Institution, die sich gerne auch mal 400 Jahre Zeit lässt für Entscheidungen? Nichts! Eben! Also Opportunsmus kann man der katholischen Kirche bei Gott nicht vorwerfen. Entschleunigung extrem. Einfach erst mal knapp ein halbes Jahrhundert lang zurück lehnen und sagen: Mooooment. In dieser Hinsicht bin ich mit meiner Kirche ganz eins. Finde ich gut. Nur nichts überhasten.

Zwergenkalender2 001

Und ich finde unser Kultusministerium, sollte sich gerade in dieser Hinsicht wieder mehr an der katholischen Kirche orientieren. Manche Kultusministerinnen sind ja immerhin in ihrem Leben danach noch Botschafterin im Vatikan geworden. Darum finde ich die Verschiebung des Bildungsplans 2015 auch absolut okay. Kein Grund zur Häme. Was lange währt, wird immer gut und so.

Den Bildungsplan 2004 habe ich übrigens neulich zum Schutz des Fußbodens beim Wändestreichen auf dem Boden ausgebreitet. Hatte aber wenig Saugkraft. Vor allem das Vorwort. Der Zwergenkalender ’98 dagegen: Für die katholische Kirche immer noch aktuell.

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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Eine Antwort zu Der Wiener Zwergenkalender ist ein Symptom radikaler Entschleunigung

  1. Heini schreibt:

    Subbersach!

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