Heinz Rudolf Kunze und der Rest der Schlagerwelt

Heinz Rudolf Kunze ist ja das intellektuelle Rückgard des Deutschen Schlagers. Schlager mit Anspruch, sozusagen. Und egal, ob alte oder neue Platte: Bei Kunze denkt man immer so, ja, ja, ganz cool. Aber dann kommt irgendeine Textstelle, ein Sound, irgendwas, bei dem man denkt: Jetzt kippt es in den Schlager.
Beim Schlager geht es ja eigentlich immer um Sex. Es wird nie so richtig ausgesprochen, aber es ist ganz klar, was das Thema ist. Oder worum geht es wohl in Helene Fischers „Atemlos“? Oder Tony Marshalls „Öberförster“? Das funktioniert wie Rammstein. Andeuten, andeuten, andeuten, und dann scheinbar harmlos abbiegen.
„Du …
Du has(s)t …
Du has(s)t mich …
Du hast mich gefragt …“
Genau so funktioniert der „Öberförster“.
„Ach lass mich doch …
Ach lass mich doch …
Dein Oberförster sein.“
Oder Roland Kaiser.
„Manchmal möchte ich schon mit dir…“
Ja, was denn?
„Manchmal möchte ich schon mit Dir,
eine Nacht das Wort „Begehren“ buchstabieren
manchmal möcht ich so gern mir Dir,
doch ich weiß wir würden viel zu viel riskieren
Du verlierst den Mann, ich verlier den Freund…“
Tja, der Roland, der will halt mal die Alte von seinem Kumpel so richtig durchbuchstabieren, was!
Und Heino? Der tastet sich langsam ran.
„In der ersten Hütte haben wir zusammen gegessen,
In der zweiten Hütte haben wir zusammen gegessen.
In der dritten Hütte hab ich sie geküsst,
keiner weiß, was dann geschehen ist.“
Tja. Hoffentlich sind die beiden verheiratet.
Oft ist ja auch ein Feuer entfacht, Sehnsucht, Begehren – die ganze Sexmetaphernparty einmal hoch und runter.
Peter Maffay beispielsweise, der ja gleich in seinem ersten Hit als Jungfrau die Sonne untergehen und sie als Mann wieder aufgehen sieht. Dank einer netten 31 jährigen Frau.
Oder bei seinem Hit „Sonne in der Nacht“. Da geht’s auch zur Sache. Auch so Sexmetaphernmäßig.
„Sonne in der Nacht
Träume sind erwacht
Feuer im Vulkan
Wir beide Arm in Arm
Tau auf heißem Sand
Nie gesehnes Land
Sonne in der Nacht
Was hast du gemacht

Nur für den Augenblick
Sollte es sein
Mehr habe ich nicht von dir gewollt
Jetzt liegst du neben mir
Mein Herz in der Hand
Und aus dem Augenblick wird ein Leben lang.“
So wird der One-Night-Stand im Schlager beschrieben. Und total schlagermäßig natürlich die Verkitschung, dass aus dem einen Mal ein Leben lang wird. Oioioi, Peter, das muss ja was gewesen sein, Alter! Da war aber Feuer im Vulkan, hä? Ja, ja, von wegen Herz in der Hand. Das weiß man ja bei Männern, wo die ihr Herz haben … hähähä.
Genau. Der Schlager ist also eigentlich eher untenrum. Nicht so aber bei Heinz Rudolf Kunze. Der ist eher obenrum. Und das ist sein Alleinstellungmerkmal im Deutschen Schlager. „Dein ist mein ganzes Herz“ zum Beispiel. Da benutzt er ja sogar das Wort „Beziehung“. Oder das Wort „Nachtgeruch“. Aber das ist alles so reflektiert. Das ist so „Schlager mit Abitur“.
In dem Lied „Fallensteller“ geht es sogar so richtig um Sex.
„Schläfst du jetzt mit mir
Bevor ich weg fahr,
damit ich nicht vergesse wie das ist…“
Aber mal ehrlich „Schläfst du jetzt mit mir…“? Das ist so … Ich weiß nicht. So redet einer über Sex, der keine Beziehung zum Sex hat. Einer, der dauernd darüber redet, aber es nie tut.
So. Und das finde ich das Schöne an Heinz Rudolf Kunze. Genau das. Beim Schlager geht es immer um Sex. Sogar dann, wenn es nicht um Sex geht. Aber nicht bei Heinz Rudolf Kunze. Bei ihm geht es nie um Sex, sogar dann nicht, wenn es um Sex geht.
Kunze ist sozusagen Avantgardeschlager. Seine Fans sprechen ja gerne davon, dass er „Deutschrock“ sei. Aber das ist Quatsch. Die Scorpions sind Deutschrock. Kunze macht einfach das, wovon er erwarten kann, dass seine treuen Hörer es kaufen werden. Und das, was er mag. Beispielsweise sein Lied „Danke“. Das nannte er tatsächlich seine Verbeugung vor Udo Jürgens. Und bei jeder CD steht auch immer schon brav ein Gruß an seine Freunde von „Pur“ (die Band des verkitschten Freikirchenrockschlagers).
Von dem her. Kunze ist Schlager. Aber wenn schon Schlager, dann Kunze.

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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