Ich brauche Kaffee

Teeschublade3

Ich brauche Kaffee. Darum gehe ich in meiner Hohlstunde in die Lehrerküche. In der Thermoskanne ist noch Kaffee drin, aber er ist kalt. Egal, denke ich, und suche mir eine Tasse. Ich greife mir ein buntes, ansprechendes Exemplar und schütte den kalten Kaffee hinein. Dann stelle ich ihn in die Mikrowelle.
Die Kollegin XX (Name von der Redaktion geändert) rauscht in die Küche. „Machst du dir schon dein Mittagessen warm?“, fragt sie irritiert. Es ist kurz vor Elf. „Nein“, sage ich, „Kaffee.“ Sie schüttelt sich. „Igitt, das schmeckt doch dann nicht mehr, oder?“, fragt sie mit vor Ekel gekräuselter Nase. „Doch“, sage ich und frage mich seit wann es beim Kaffee auf den Geschmack ankommt. Es geht ums Wachbleiben, nicht um Lifestyle.
Die Kollegin zieht derweil die Teeschublade auf und schmeißt den total verkalkten Wasserkocher an. Der Inhalt der Teeschublade ist ein tiefer Blick in die geschundene Seele der Lehrerschaft. Da gibt es „Entspannung“, „Harmonie für Körper und Seele“, „Zeit zum Denken“ und „Augenblicke der Freude“. Liebes Kultusministerium, denke ich, du willst die Wahrheit über den seelischen Zustand des baden-württembergischen Lehrers wissen? Geh in die Schulküchen und schau in die Teeschublade!
Die Mikrowelle macht „bing“ und ich kann meinen jetzt ziemlich heißen Kaffee raus holen. Die Kollegin guckt hoch.
„Sag mal“, sagt sie barsch, „wieso nimmst du eigentlich meine Tasse, ich hab mich schon gewundert welcher Hirni die jetzt wieder hat!“
„Oh“, sage ich, „da steht gar nicht drauf, dass das deine ist.“ „Da steht drauf: Happy Birthday, Frau XX“, antwortet die Kollegin triumphierend. Stimmt, jetzt wo sie es sagt, fällt es mir auch auf. Ich nuschle „Entschuldigung“. Dann greife ich mir aus dem Kühlschrank die Milch und will sie in meinen Kaffee schütten. Da fährt mich die Kollegin an, ob ich eigentlich wisse, dass das die laktosefreie Milch von der anderen Kollegin sei. Stimmt denke ich jetzt, sie hat ja auch ihren Namen ganz groß mit Edding drauf geschrieben. Ich nehme die andere Milch, die riecht aber irgendwie komisch. Also hole ich eine frische Milchtüte. „Machst du jetzt noch frische Milch auf“, fragt mich die Kollegin, die mir langsam auf die Nerven geht, „heute ist Freitag, die vergammelt doch nur wieder übers Wochenende.“ Also Milch wieder weg und Kaffee schwarz trinken. Es ist schlimm, wenn jemand ganz arg nervt aber trotzdem recht hat.
Sie macht sich einen „Augenblicke der Freude“-Tee. Kann sie bei so dämlichen Kollegen sicher gut brauchen.
Da kommt auch noch der immer gut gelaunte Kollege. „Was trinkst du denn da“, lacht er, als er mich mit der Tasse da stehen sieht, „ist das Teer?“
Ha,ha, ha, denke ich und schweige.
„Und warum trinkst du aus Frau XX Tasse?“, legt er gleich noch einen drauf.
„Ich hab das nicht gewusst“, sage ich.
„Steht ja auch nur ganz groß drauf, oder?“, lacht er und die Kollegin lacht mit.
Nachher mache ich mir in aller Ruhe einen „Zeit zum Denken“ Tee.

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Über Ens Oeser

Ens Oeser ist zusammen mit Laus Itzigmann und Ennis Eineck die Band ACH. Das allen Äußerungen der Band zugrunde liegende Konzept ist "Hobbypop".
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Eine Antwort zu Ich brauche Kaffee

  1. fraulehrerin schreibt:

    Schönes Foto…und so nette Kollegen…werde ich vermissen…

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